Jugendaustausch : Vertrauter Feind

Keren Assaf organisiert Treffen zwischen jungen Israelis und Palästinensern – trotz vieler Hindernisse

Lisa Seelig
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Grenzgängerin. Menschen miteinander ins Gespräch bringen, Vorurteile abbauen - darum geht es Keren mit ihrem Projekt »Breaking...Foto: David Heerde

Als Keren und Rami sich zum ersten Mal gegenüberstehen, trennt sie kein Checkpoint, dafür eine Mauer aus Misstrauen, Angst und Verbitterung. Rami will ihr nicht die Hand geben, kann ihr nicht in die Augen blicken. Kann oder will nicht glauben, dass sie, das Mädchen aus Israel, ernst meint, was sie immer wieder sagt: dass sie froh ist, ihn hier zu treffen. Hier, auf dem „Peace Boat“ vor der Küste Japans, einer Initiative, die junge Menschen aus Konfliktregionen zusammenbringt. Keren bleibt hartnäckig, zwingt sich, mit Rami, dessen Nationalismus und Verbitterung sie abstößt, zu reden.

Irgendwann, nach durchwachten Nächten und endlosen Diskussionen, kann sie sich zumindest ansatzweise in Ramis Leben hineinversetzen, in ein Leben unter israelischer Besatzung, ein Leben ohne Freiheit, ein Leben, das Rami wie so viele palästinensische Teenager einige Jahre in israelischer Haft verbracht hat, weil er Steine auf Soldaten geworfen hat.

Da sind soviel Hass und Vorurteile - wie soll man die bloß überwinden?
 
Acht Jahre nach dieser ersten Begegnung sitzt Keren Assaf in einem Café in Friedrichshain, ein paar Kilometer weiter kreisen Hubschrauber über dem Regierungsviertel. Ein Zufall, dass der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu heute bei der Bundeskanzlerin zu Besuch ist. „Breaking Barriers“, Barrieren überwinden, heißt das Projekt, das Keren, heute 28, und Rami Nasser Edin nach ihrem Treffen gegründet haben. Bis heute haben mehr als 600 junge Israelis und Palästinenser daran teilgenommen.

„Erst als ich Rami traf, wurde mir bewusst, was die Besatzung, die Schikanen mit den Menschen in den palästinensischen Gebieten machen“, sagt Keren. In Israel wiederum, sagt sie, ließen das Bildungssystem und die Medien der jungen Generation kaum eine andere Chance, als voller Hass und Angst auf die Palästinenser zu blicken. Dass jemand aus Israel so viel Verständnis für die palästinensische Seite aufbringt und die eigene Gesellschaft so scharf kritisiert, ist ungewöhnlich. Und es ist keine Haltung, mit der man sich in Israel Freunde macht. Als Keren mit 17 den Kriegsdienst verweigert, ist sie damals eine der wenigen, die diesen Schritt wagen. Wer verweigert, gilt vielen als Verräter. Die Angst eines Volkes vor der Vernichtung und das Gefühl, von allen Seiten bedroht zu werden, haben die Bedeutung der Armee zementiert. Keren erzählt von ihrer Großmutter, die bis in ihre Träume von dieser Angst verfolgt wird. Kerens Großeltern haben den Holocaust in Polen überlebt.

Wer den Kriegsdienst verweigert, macht sich keine Freunde

Schon als Teenager merkt sie, dass ihr der extreme Nationalismus der israelischen Gesellschaft widerstrebt. Beim Schulausflug nach Europa, ins Konzentrationslager, Pflichtprogramm für israelische Schüler, weigert sie sich, mitzufahren. „Die Schulklassen laufen durch das Lager, schwenken die israelische Flagge und singen. Die Parole ,Das darf nie wieder passieren, sei immer stark‘ wird früh in die Köpfe eingemeißelt“, sagt sie.

Keren ist überzeugt davon, dass sich Israelis und Palästinenser nur annähern können, wenn sie fähig sind, anzuerkennen, dass die Haltung der anderen durch traumatische Erlebnisse geprägt ist: bei den Israelis der Holocaust, die ständige Angst vor Selbstmordattentätern in Bussen, in Cafés. Und auf der anderen Seite das Leben unter der Besatzung. „Aber dieser Streit um die größere Opferrolle wird zu nichts führen“, sagt Keren.

„Ferien vom Krieg“ heißt das von einem gemeinnützigen deutschen Verein gegründete Projekt, das es Keren und Rami 2002 zum ersten Mal ermöglicht, Begegnungen auf neutralem Boden zu organisieren, danach gründen sie ihr eigenes, „Breaking Barriers“. Aber der Krieg macht keine Ferien, das merken beide schnell. Er holt sie ein, zeigt ihnen auf grausame Weise, warum es so schwer, manchmal unmöglich ist, sich nahezukommen. Während eines Treffens sterben fünf Verwandte einer Teilnehmerin bei einem israelischen Raketenangriff auf den Gazastreifen. Kurze Zeit später sprengt sich ein Selbstmordattentäter in einem Jerusalemer Café in die Luft.

Die meisten Teilnehmer der Camps haben Verwandte oder Freunde verloren, haben gesehen, wie Menschen erschossen wurden, erdulden jeden Tag stundenlanges Warten an den Checkpoints, auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen. „Hass, der durch einen jahrzehntelangen Konflikt entstanden ist, kann man nicht in zwei Wochen auslöschen“, sagt Keren. Aber überhaupt jemanden von der anderen Seite zu treffen und zu versuchen, seinen Hass und seinen Schmerz zu verstehen, das geht.

Spielerisch sollen Palästinenser und Israelis aufeinander zugehen - das kann nicht jeder der Teilnehmer

Keren erzählt von einem Vorfall während des letzten Camps: Bei einer Übung, die spielerisch Vertrauen schaffen sollte, ließ Keren israelisch-palästinensische Paare bilden. Einer sollte dem anderen die Augen verbinden und ihn durch den Raum dirigieren, ohne ihn zu berühren. Ein israelischer Teilnehmer weigerte sich: Die Übung erinnerte ihn zu sehr an das, was er in den drei Jahren seines Militärdienstes ständig getan hatte – nachts in die Häuser von Palästinensern eindringen, die Männer fesseln, ihnen die Augen verbinden und sie zum Verhör bringen. Der Palästinenser wiederum erzählte, dass er genau solche Überfälle schon erlebt hatte. Sie einigten sich darauf, zuerst dem Israeli die Augen zu verbinden.

Am Abend hält Keren in Berlin ihren Vortrag im Haus der Demokratie und Menschenrechte, sie wirkt abgeklärt, routiniert, sie hat diesen Vortrag schon sehr oft gehalten. Danach melden sich viele Zuhörer jenseits der fünfzig, um ihr zu sagen, wie beeindruckt sie sind und wie froh, dass jemand wie Keren ihnen ein kleines bisschen Hoffnung schenkt. Keren lächelt höflich. Sie hat keine Illusionen mehr. Zum Schluss, sie wirkt jetzt ein bisschen müde, sagt sie noch, dass alle Begegnungen die politische Entwicklung hin zu einem Friedensprozess nicht ersetzen können. Ein paar Stunden zuvor hat Benjamin Netanjahu das Drängen von Angela Merkel, den jüdischen Siedlungsbau so schnell wie möglich zu stoppen, mit beharrlichem Schweigen beantwortet.

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