Jugendgewalt : Warum haben wir nichts zu sagen?

Hip-Hop, Flatrate und Gewalt: Alle reden wieder über die „Jugend“. Und wir? Schweigen mal wieder.

Ric Graf
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Das geht in die Dose. Schimpfen können wir, auch trotzig sein. Aber können wir uns auch gehaltvoll äußern - und wollen wir das?Foto: Imago

Herr Koch, da sind wir mal wieder voll in die Klischeefalle getappt. Der Wahlkampf tobt im wichtigen Jahr vor der Bundestagswahl: Hamburg, Niedersachsen und eben Hessen bitten zur Urne und die drei CDU-geführten Länder brauchen jede Stimme. Das ist normal, das gehört zum politischen Betrieb dazu, und wieder haben sie uns als Thema entdeckt: die Jugend. Das ist in einer alternden Gesellschaft prima. Flatratepartys, die sich nicht sonderlich von einem Mallorca-Urlaub unterscheiden, standen im vergangenen Jahr auf der Agenda. Dann ging es im Herbst mit dem Gangster-Rap weiter, den sie nicht verstehen. Jetzt geht es eben um die Jugendgewalt. Und das Thema funktioniert, weil es so schön emotional ist. Hier die Guten, die schockierte Gesellschaft, und da die bösen Jungen. Wir, die ja eh nur sprayen, trinken, Drogen nehmen und nicht an die Rente denken.

Klar, Jugendgewalt ist ein Problem. Das wissen wir. Aber schon seit Jahren. Jeder in unserem Alter kam irgendwie mit der Gewalt von Gleichaltrigen schon einmal in Berührung. Doch es geht nicht um die Tatsache – sondern Art und Zeitpunkt der Debatte. Braucht man Stimmen, braucht man ein emotionales Thema. Doch geht es der Politik gerade wirklich um die „verrohte“ Jugend? Warum wurden dann in den letzten Jahren immer wieder Bildungsausgaben gekürzt, Jugendprojekte gestrichen und unsere Zukunftsangst nicht ernst genommen? Wo waren da die Wahlkämpfer? Sicherlich nicht in den Jugendclubs, bei Azubis, auf einer Flatrateparty oder gar mal im – ach je! – „Problemkiez“. Und wen hat denn schon die Rütli-Schule vor dem Aufschrei interessiert? Man redet so gerne über, aber nicht mit uns. Vielleicht, weil die Sprache eine andere ist, vielleicht aber auch, weil man mit uns keine Wahlen gewinnt, dafür sind wir zu wenige. Themen wie Rente, Pflege und Gesundheit sind populärer.

Eine Erinnerung: Bundestagswahlkampf 2005. Die Parteien bemühten sich um Erstwähler, indem sie Partys schmissen, Kondome verteilten und irgendwie hip wirken wollten. Das ist gescheitert – auch weil es lächerlich war. Mit Wahlkampfkondomen löst man unsere Probleme nicht. Der Politikbetrieb ist schwer durchschaubar, es gibt wenige Politiker in unserem Alter (Anna Lührmann von den Grünen ist mit 24 die jüngste) und die Debatten versteht kaum einer mehr. So haben sich viele in unserem Alter von der tagesaktuellen Politik verabschiedet. Wer von uns weiß, was die Gesundheitsreform bedeutet? Und wen interessieren die Proteste gegen Studiengebühren länger als einen Tag? Und wen wollen die Politiker eigentlich mit einem prickelnden Thema wie Tempelhof ansprechen?

Genauso müssen wir uns fragen: Wo sind denn wir, wenn es um uns geht? Wo sind wir, wenn über uns und Gewalt gesprochen wird? Wann erzählen wir, wie es ist, jung zu sein?

Mit einer unsachlichen Sprache versucht das Jobcenter Politik Wählerstimmen zu bekommen.Wenn über die „Jugend“ gesprochen wird, nimmt die Politik meist Studien und Statistiken zu Hilfe – aber selten das wahre Leben. Und dann entsteht bei uns der Eindruck, dass viele Entscheider der Politik weltfremd sind, uns nicht mehr verstehen. Oder verstehen wollen. Okay. Aber wo bleiben wir?

Wir sitzen lieber bequem in Bars, pflegen unsere Myspace-Seite und haben uns von dem ganzen Politikkram verabschiedet. Das ist nicht nur ein Trend, sondern – seien wir ehrlich – Realität. Wie oft unterhalten wir uns über gesellschaftliche Themen, wie oft erheben wir unsere Stimme. Viel zu selten. Das ist das viel größere Problem. Ideologie und Politik zählen heute wenig. Begriffe wie „links“ und „rechts“ spielen eine immer geringere Rolle, und die Parteien klagen über wenig junge Mitglieder.

In Berlins Subkulturen haben wir es uns gemütlich gemacht: Da wird gefeiert, Musik gemacht, Clubs werden eröffnet, Bands gegründet, viel zu selten in kleinen Gruppen gegen rechte Aktivitäten gearbeitet. Faul sind wir nicht. Doch alles passiert im Kleinen. Neulich sagte eine Freundin zu mir: „Ich würde mich gerne politisch engagieren, klar! Aber wo? Warten die auf mich? Ich habe keinen Bock, eine Parteikarriere zu starten, sondern ich will etwas gestalten.“ Es gibt genug Kreative und Engagierte – nur lassen sich viele oft vom Betrieb um Koch & Co. abschrecken. Zu viele Phrasen, zu altbacken.

Wir brauchen vielleicht wieder Visionen – für unsere Gesellschaft und unsere Zukunft. Wenn Politik das Träumen zu- ließe, wäre es vielleicht eher unser Ding. Doch das große Jobcenter Politik ist eines: pragmatisch. Und knallhart kalkulierend, wenn es um Wählerstimmen geht. Träume und Visionen gehören da nicht rein.

Blick zurück: Im vergangen Sommer traf sich die weltweite Politikspitze beim G-8-Treffen in Heiligendamm. Auch viele in unserem Alter waren vor Ort, viele die nicht hinfuhren, hatten eine Meinung, wünschten sich eine „gerechtere Welt“, „Frieden“ und kritisierten die großen Acht. Doch worum ging es den meisten wirklich? Seien wir ehrlich: um den Zaun. Und es ging um die Konzerte von Wir sind Helden und Jan Delay und die Frage, ob es kracht. Die Demonstrationen waren mehr Karneval und die Inhalte verschwanden. Es blieb nur ein trotziges „Wir sind irgendwie dagegen“. Und der Protest ist schnell verhallt.

„I predict a Riot“ heißt ein Song der britischen Kaiser Chiefs. Einen Aufruhr sagen sie voraus . Das ist weit gegriffen und sicherlich überspitzt, aber ja, wo bleibt unsere Rebellion gegen das,was uns stört: Politiker, die wenig von uns wissen und wahrscheinlich seit Jahren nicht in einem U-Bahn-Waggon saßen. Uns stört eine ungerechte Jugend- und Bildungspolitik und härtere Startbedingungen für viele aus unserer Generation. Wenn keiner auf uns zukommt, machen wir uns halt bemerkbar. Wir sollten raus aus der Passivität und rein in die Debatte. Ehrlicher wird sie so in jedem Fall. Lasst uns laut werden. Oder?

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