JUGENDGEWALT : Wir Opfer

Die tägliche Tracht Prügel: „Wurdet ihr mal ausgeraubt“, fragten wir vorige Woche. Prompt bekamen wir Mails, Mails, Mails von vielen jungen Leuten

André Görke
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Auf ihn hören sie. Vielleicht. Bushido mag miese Texte haben, aber er geht an Schulen und redet mit jungen Leute über Gewalt....Foto: ddp

Den Spruch kennt jeder: „Ey, du Opfer!“ Was dann kommt, ist fast schon Routine: Das Messer klappt auf, die Knarre ist zu sehen und das Handy weg. Tja, und wer Pech hat, kriegt auch noch eins auf die Fresse. Irgendwie Alltag. Wir Opfer.

Vorigen Freitag haben uns fünf junge Leute, von 14 bis 18, erzählt, wie das ist, bedroht, abgezogen, ausgeraubt zu werden. „Ich Opfer“, so lautet die Überschrift. Wir bekamen daraufhin in dieser Woche Mails, viele Mails, auch von Polizisten. Einer schrieb: „Die Beiträge decken sich weitgehend mit den meisten Beobachtungen, die ich als Polizeibeamter in Kreuzberg machen durfte.“

Fabian etwa, 22 Jahre alt, ist in Spandau aufgewachsen und hat uns wütend einen langen Brief geschickt: „Als ich zwischen zwölf und 16 Jahre alt war, habe ich in Angst gelebt, sobald ich vor die Tür getreten bin. Ich weiß nicht mehr, wie viele Male kleinere oder größere Gruppen von Arabern sich einen kleinen ,Scherz‘ erlaubt haben und mir praktisch alles abnahmen, was ich bei mir trug“, schreibt er. „Wenn ich Glück hatte, gab’s zumindest keine Schläge.“ Und wenn er noch mehr Glück hatte, hat ihm auf der Flucht durch die Spandauer Nacht auch mal jemand geholfen und schließlich die Polizei alarmiert.

Nennen wir ihn Boris, er ist 19, er wurde dreimal ausgeraubt. Einmal war Boris mit einem Kumpel auf dem Weg zur Party nahe der Schlossstraße in Steglitz. Die beiden freuten sich auf einen lustigen Abend und quatschten, „da packte jemand meinen Kumpel von hinten an der Schulter“. Ein paar Typen hielten ihm ein Messer an den Bauch, einer – „ein vielleicht 18-jähriger Türke“, so Boris – sagte: „Wenn ihr jetzt rennt, stech’ ich euch ab.“ Boris erinnert sich, wie die Typen versucht haben, ihn und seinen Kumpel zu trennen, „damit wir auf uns allein gestellt waren“. Allein mit ihrer Angst. Schließlich meinte einer: „Mach’ lieber keine Faxen, sonst brech’ ich dir den Kiefer, du Hurensohn. Kapiert?“ Am Ende raubten sie lächerliche fünf Euro und ein Handy.

So mancher versteckt sein Geld im Socken, bevor er abends in die U-Bahn einsteigt. Denn Räuber tasten die nicht ab, anders als Hosentaschen, was aber auch schon erniedrigend genug ist. Andere haben uns gemailt, dass sie nun Kampfsport trainieren („Das ist gut fürs Selbstbewusstsein“). Was uns aufgefallen ist: Viele haben uns berichtet, dass ihnen Eltern nicht glauben, dass ihr Kind überhaupt überfallen werden könnte, sie sagen: „Das passiert nur da, wo die Türken wohnen.“ Das ist natürlich Quatsch. Wir erfuhren von Stressmachern in Charlottenburg, in Tegel, in Friedrichshain.

Ein anderer Fall ist der von Markus. Auch sein Name stimmt nicht, aber das ist an dieser Stelle egal. Markus ist Anfang 20, er wollte helfen. In der U-Bahnlinie 6 hatten ein paar Typen – „junge Männer arabischer, türkischer und jugoslawischer Herkunft, fast alle über 18“ – abends drei Mädchen übel belästigt. Markus ging dazwischen, da wurde prompt auf ihn eingeprügelt. „Ich selbst habe keinen Strafantrag gestellt, da ich Angst hatte, von den Täter später aufgesucht zu werden“, schrieb er uns. Und als er später – wieder abends in der U-Bahn – sah, wie ein Mädchen angepöbelt und betatscht wurde, hat er lieber den Mund gehalten.

Felix, ebenfalls Anfang 20, wurde erst in dieser Woche attackiert, in Kreuzberg, ganz plötzlich. „Man schlug auf mich mit einem Stein ein, direkt auf den Schädel, ich hatte eine Menge Glück“, mailte er uns. Die blutverkrustete Narbe am Kopf verheilt, doch die Erinnerung bleibt.

Angst. Wut. Scham. Die Polizei bietet Hilfe an, es gibt eine ganz gute Seite im Netz: www.time4teen.de. Da erzählen Polizisten, wie man sich bei Überfällen verhalten soll, was zu tun ist als Zeuge, sie haben auch spezielle Tipps für Mädchen. Wer mehr erfahren will, findet dort Telefonnummern. Und man gab uns einen Tipp: Jede Polizeidirektion in Berlin hat einen Jugendbeauftragten.

Klar, ganz so leicht ist das nicht. Oder doch? Wir würden gern eure Geschichten hören, auch anonym. Was habt ihr erlebt? Habt ihr euch nach dem Überfall verändert? Eure Mails behandeln wir vertraulich. Versprochen.

Mails an uns (bitte immer mit Alter): werbinich@tagesspiegel.de

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