Jugendliche und Kreativität : Beherrscht und spontan - sonst noch Wünsche?

Jugendliche sollen beherrscht und gewissenhaft, aber gleichzeitig spontan und kreativ sein. Laurence,18, hat beschlossen, ganz spontan selbst zu entscheiden, was von alledem sie wann sein will.

Laurence Isabelle Stroedter
Das wär doch mal ein richtig kreatives Bewerbungsbild, oder? Foto: privat
Das wär doch mal ein richtig kreatives Bewerbungsbild, oder?Foto: privat

Es ist Sonntagabend, und ich beschließe mal wieder, dass es Zeit wäre, mich mit meiner Zukunft zu beschäftigen. Also, auf geht's, Bewerbungen schreiben. Natürlich habe ich das Ziel, möglichst vernünftig und zielstrebig rüberzukommen, wie es sich für eine gute zukünftige Mitarbeiterin gehört. Aber gerade, als ich alles mühsam zusammengestellt habe, kommen mir Zweifel. Ist das Portfolio nicht irgendwie zu langweilig, zu öde, zu unscheinbar? Heißt nicht das Credo: aus der Masse herausstechen, komme was wolle? Also sage ich mir „Sei kreativ!“ und überlege mir in nächtelanger Kleinstarbeit, welche Fotocollage oder welches hochtrabende Zitat wohl meine Persönlichkeit am besten widerspiegeln würde.
Und je später es wird, auf desto seltsamere Ideen komme ich. Die Grenzen zwischen Kreativität und Skurrilität sind definitiv fließend. Ich ertappe mich dabei, mich zu fragen, ob Glitzer wohl zu viel des Guten wäre. Durch den ganzen Druck, der so kurz vorm Abi auf uns liegt, leidet die Kreativität total. Trotzdem scheint alle Welt ständig von einem zu erwarten, dass man zwar perfekt und beherrscht ist – aber bitte mit ganz viel spontaner Darstellung von Kreativität. Man ist ja noch jung und soll sich ausprobieren. Aber wie sehr ist das noch Ausprobieren, wenn es mir von außen übergestülpt wird? Ich will auch mal ganz spontan entscheiden können, dass ich heute nicht „kreativ“ und ausgeflippt bin. Und eins ist sicher: Um kreativ zu sein, darf man keine Angst haben, dass das Ergebnis nicht perfekt wird.
Was lerne ich also daraus? Man kann sowieso nicht nach der Vorstellung aller genau das richtige Maß an Kreativität produzieren. Also bin ich einfach nur kreativ, wenn mir danach ist, sonst lasse ich es. Jemanden mit einer krampfhaft locker-flockigen Bewerbungsmappe mit Glitzerstaub stellt man ohnehin höchstens zur Kinderbetreuung ein – als Clown.

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