Jugendliche und Kreativität : S-Bahn-Geschichten

Lena, 17, setzt sich in die Ringbahn und beobachtet Menschen. Zu jedem kann man sich eine Geschichte einfallen lassen. So entsteht eine eigene Fantasiewelt.

Lena Fiedler
Lena denkt sich Geschichten aus.
Lena denkt sich Geschichten aus.Foto: privat

Ich möchte mich von Berlin inspirieren lassen. Deshalb fahre ich einmal mit der Ringbahn durch die ganze Stadt. Mir gegenüber sitzt ein alter Mann. Er hat graue Haare und ist dürr. An seinen Fingern klebt schwarze Tinte. Durch eine dicke Brille sehen seine blauen Augen riesig groß aus. Aber er riecht auch nach Pfeifentabak und lächelt mir freundlich zu. Ich habe meinen Opa nie kennen gelernt, aber so stelle ich ihn mir ungefähr vor: Ein liebes Lächeln, eine Rauchwolke, und viele alte Geschichten. Er steigt Sonnenalle aus. Vielleicht besucht er seine Enkelin. Oder er trifft alte Freunde um über alte Zeiten zu reden.

Was wäre, wenn alle alten Menschen ihre Geschichten veröffentlichen würden? Wir würden viel mehr über sie wissen und sie viel besser verstehen.

Eine junge Frau hat sich den frei gewordenen Platz geschnappt: Sie ist eine Business-Lady mit flottem Smartphone und auffälligem Style. Sie trägt einen knallroten Mantel und eine weiße Mütze. Ihre Augen schauen nachdenklich aus dem Fenster, und dieser Blick hat etwas von einer tragischen Romanfigur, was überhaupt nicht zum aufgedonnerten Auftreten passt. Ihr Smartphone klingelt, und sie meldet sich mit einem freudestrahlenden: „Hallöchen!“. Ich weiß nicht, was an ihr falsch ist: Der tragische Blick nach draußen oder das fröhliche Gequatsche mit dem Handy. Es könnte auch beides eine Inszenierung sein, und dahinter verbirgt sich eine dritte Person. Wieso macht sie das?

Auf dem Sitz daneben lässt sich erschöpft eine andere Frau fallen. Sie ist der stärkste Kontrast zu ihrer Sitznachbarin: Das Haar ist verstrubbelt, der Schal beißt sich mit der Jacke – nichts ist aufeinander abgestimmt. Sie riecht nach Rauch. Vielleicht ist sie eine Künstlerin, der ein kleines Atelier im Stadtinneren gehört. Sie ist: Echt, eigenwillig, kreativ.

Draußen zieht Fabrikgelände vorbei, gefolgt von Altbauten, gefolgt von Neubauten, gefolgt von neu gebauten Altbauten, vorbei. Die Szenen wandeln sich rasant und radikal. Ein ständiger Wechsel von Menschen und Hintergrund, und dazwischen das gleich bleibende Rattern der S-Bahn.

Hinter jeder Szene verstecken sich hunderte Geschichten. Die wahren Geschichten sind mir fremd, aber ich erzähle meine Version. So suche ich mir aus, welche Art von Mensch mein Sitznachbar ist und erschaffe mir meine eigene Fantasiewelt in der S-Bahn. Lena Fiedler, 17 Jahre

 

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