Jugendorganisation : Ort für Schutzbestohlene

Mutter tot, Vater unbekannt: Ein Projekt in Südafrika will Jugendliche von der Straße fernhalten und ihnen Familienersatz sein

Hadija Haruna

Mzimkhulu Mwlambi ist allein. Seine Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben, seinen Vater kennt er nicht. Als seine Mutter noch lebte, ist der 20-Jährige täglich 40 Kilometer mit dem Minibus von Orange Farm nach Johannesburg gefahren, um im „Hillbrow Theater“ zu arbeiten. Unbezahlt. „Ich wollte dort irgendwann spielen, mein Geld verdienen. Und dann war es soweit“, sagt er. Doch das Angebot kam genau eine Woche vor dem Tod seiner Mutter, die ihm die tägliche Fahrt mühsam finanziert hatte.

Mzimkhulus Traum nimmt ein jähes Ende. Der Südafrikaner hat kein Geld, um nach Johannesburg zu fahren, sitzt in seinem Dorf fest. Die einzige Möglichkeit, sich fortzubilden und nicht perspektivlos herumzuhängen, ist das Jugendzentrum von „Lovelife“, ein Auffangbecken für junge Menschen wie ihn. Für ihn eine Art Ersatzfamilie.

Lovelife bringt ein eigenes Magazin heraus - die südafrikanische "Bravo"

17 Jugendzentren hat die Organisation in Südafrika. Sie bietet Freizeitbetreuung, Qualifikationstraining sowie sexuelle Aufklärung an und versucht, Heranwachsenden bei ihren Problemen zu helfen. Seit zehn Jahren gibt es Lovelife, getragen wird es von verschiedenen nichtstaatlichen Organisationen, der staatlichen Gesundheitsbehörde, der nationalen Jugendkommission, Unicef sowie privaten Unternehmen. Mittlerweile hat das Projekt Kultstatus. Es hat eine bunte Homepage und ein monatliches Magazin im Stil der „Bravo“, inklusive Liebes- und Lebensberatung von Mizz B, der afrikanischen Dr. Sommer. Die kostenlose Telefonhotline wählen im Monat 60 000 Anrufer.

Mzimkhulus Heimatdorf Orange Farm gilt als gefährlicher Township im Südwesten Johannesburgs – mit wenig Aussicht auf Verbesserung. Das riesige Jugendzentrum kennt hier jeder. Am Eingang steht auf einer Tafel, dass man eine „drogen- und waffenfreie Zone“ betrete. Es gibt mehrere Gebäude und einen Basketballplatz im Hof. Neben Tischtennisplatten und Kickern befinden sich in den Häusern eine Radiostation, Computer- und Proberäume, in denen Motivationstraining, Powerpoint-Kurse oder Konfliktmanagement angeboten werden. Das „Y-Centre“ ist der einzige Ort für junge Menschen, die nicht auf der Straße mit Drogen oder Gangs in Berührung kommen wollen. Geleitet wird der Treffpunkt von ausgebildeten Freiwilligen, den „Groundbreakern“ im Alter zwischen 18 und 25 Jahren.

„Die Jungs und Mädchen hier müssen lernen, an sich zu glauben“, sagt Zola Sithembile. „Sie brauchen Selbstbewusstsein, Ziele und einen Plan.“ Die 30-Jährige ist selbst als Jugendliche ins Jugendzentrum in Orange Farm gekommen. Heute arbeitet sie als Regionaltrainerin für die Organisation und schult die Groundbreaker.

Das Risiko für einen Teenager, sich beim Sex mit HIV zu infizieren, beträgt 50 Prozent

Lebohang Lehana ist vor einem halben Jahr dazu aufgestiegen. Vorher war er ein „Mpintshi“, ein Neuankömmlinge, der die Einführungswoche durchlaufen hat. Der 21-Jährige leitet nun die Theatergruppe und verdient so etwas Geld. „Was ich meinen Leuten beibringen will? Zu fühlen, dass sie etwas wert sind.“ Das ist erklärtes Anliegen der Organisation. Sie will möglichst viele Jugendliche Südafrikas zum Teil ihrer Lovelife-Generation machen. Groundbreaker wie Lebohang können irgendwann zum Gebietskoordinator aufsteigen und später Regionaltrainer wie Zola werden. Oder sie bekommen einen Job als Radiomoderator, wie ein ehemaliger Mpintshi, von dem einige schwärmen.

Armut, Gewalt und Aids: das sind die Themen, die die Jungs und Mädchen im Y-Center beschäftigen. Diese Faktoren gelten in Südafrika als „tickende Zeitbombe“ für die Jugend. Die Wahrscheinlichkeit für einen 15-Jährigen, sich mit HIV zu infizieren, schätzt Unaids, ein UN-Programm, auf 50 Prozent.

Wer von Johannesburg aus nach Orange Farm ins Jugendzentrum fährt, stößt unweigerlich auf die riesige Reklame von Lovelife. Der Slogan: „Sprich darüber!“ Er soll dazu ermutigen, offen über Sexualität zu reden. Dabei geht es um weit mehr als um Aufklärung. „Viele wissen, dass man mit Kondomen Aids verhindert“, sagt die Regionaltrainerin Zola. „Aber warum soll jemand, der mit großer Wahrscheinlichkeit Opfer von Verbrechen oder Vergewaltigung wird, der weder Aussicht auf Bildung noch auf Arbeit hat, sich täglich mit einer Krankheit auseinandersetzen, die ihn vielleicht erst in zehn Jahren umbringt?“ Deshalb müssten Jugendliche ihr Leben schätzen lernen.

So wie Sindiswa. Die 19-Jährige ist seit ein paar Monaten Mpintshi. „Ich hatte keine Disziplin in meinem Leben und keine Meinung zu den Dingen, die ich tat. Wer die echte Sindiswa ist, habe ich mich erst hier gefragt“, sagt sie. Der Antwort käme sie jeden Tag ein bisschen näher. Deshalb könne sie jetzt auch anderen Mädchen Ratschläge geben. Zum Beispiel, sich vor HIV und Aids zu schützen.

Für Sex gibt's Geschenke - aber die "Sugar Daddies" wollen keine Kondome benutzen

Damit spielt sie darauf an, dass in Südafrika vor allem junge Frauen gefährdet sind, sich zu infizieren. „Armut bringt Abhängigkeit“, sagt Trainerin Zola. Deshalb hätten viele Mädchen Beziehungen zu älteren Männern, den „Sugar Daddies“, die sie unterstützen und ihre Familien versorgen. „Nicht selten entsteht bei ihnen ein falsches Bild von Liebe: Sie haben Sex, weil sie glauben, es dem Partner zu schulden.“ Zudem gebe es das Problem, dass diese Männer den Gebrauch von Kondomen oft ablehnen. „Wir wollen den Mädchen klar machen, dass sie über ihre Sexualität selbst bestimmen.“ Nur so könne man verhindern, dass sie sich – und später andere – anstecken.

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