Junge Schreiber : Unsere Poeten: Gregor Bauer

Er hat gerade seinen zweiten Roman beendet und vermisst Bescheidenheit bei sich.

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Gregor Bauer, 19. Schreibt und schreibt und schreibt. Romane, Gedichte - alles. Er liebt die Literatur und er lebt in ihr.Foto: Thilo Rückeis

GREGOR BAUER, 19



Gregor sitzt im Café vor dem Deutschen Theater, auf dem Tisch liegen zwei Bücher. „Eins zur Erholung und ein anspruchsvolles.“ Heute sind es Goethes „Werther“ in der gelben Reclam-Ausgabe und der Schafkrimi „Glennkill“. Auf seine Gedichte angesprochen, winkt Gregor ab: „Im Großen und Ganzen betrachtet, bin ich doch eher ein miserabler Lyriker.“ Jetzt schreibt Gregor Prosa. Sein erster Roman hieß „Die heilige Dreifaltigkeit“, eine „Dystopie, die das nationalsozialistische System mit dem DDR-Regime gleichsetzt“. Den hat er nach 50 Seiten abgebrochen. „Zu hoch gegriffen.“ Das neue Buch heißt „Der junge Baron“, ein Briefroman, der den Menschen ein anzustrebendes Ideal aufzeigen will. Wieder ziemlich hoch gegriffen, oder? Tja, sagt Gregor, „Bescheidenheit ist eine Tugend, an der es mir manchmal mangelt.“ Aber warum sollte er auch bescheiden sein, der Zwölftklässler mit der Armani-Brille. Bescheidenheit behindert nur. Gregor meint es ernst. Er ist kein Poser. Er ist einfach Schriftsteller. Den Traum, als Autor zu leben, den hatte er schon immer. Und seit anderthalb Jahren richtet er sein Leben gezielt darauf ein. Gleich geht er in die Vorstellung von „Die Physiker“: „Ich mag den Dürrenmatt ganz gerne“, sagt er. Das Gleiche gilt für Nietzsche. Und Saint-Exupéry. Und Balzac. Alles Autorengötter. Notfalls, sagt er und meint sich selbst, wäre postumer Erfolg auch okay.

Das ist der Anfang des neuen Romans von Gregor Bauer. Schaut mal rein.

Die Erde kreist leise. Die Zeit huscht davon und ewig und ewig scheint sie zu existieren. Alles knarrt und knirscht. Nur die Erde steht stillheimlich bei uns und nährt uns und reicht uns die Brust. Und im Schwarz der tausend, tausend Lichter schwirrt sie behende und scheint ihre Brü der zu grüßen.

Also sprach der grüne Kobold und wusste nicht recht wie weiter. Ich schwieg. Der Kobold verschwand und ich wusste nicht recht wie weiter.

Die zuvorderst grüne Wiese mit Raps und blauweißer Wolkendecke verwandelte sich in eine reinrote Wüstenwildnis. Die Sonne stach erbarmungslos und es stank nach Mensch, namentlich nach meinen Achseldrüsen. Ich schritt über Stein und Sand. Kein Leben weit und breit. Ich legte meinen Fuß auf einen nahen Fels, drückte um foranzuschreiten, aber, siehe da!, der Fels verwandelte sich in heiße Luft. Ich fiel und fiel und fiel.

Und nach dem Genuss der angstvollen Schwerelosigkeit und als ich aufzuprallen drohte, erwachte ich aus meinem Traume und erschrak über die Zeit des Erwachens. Die Uhr zeigte zwölf Uhr mittags. Ich muss wohl nochmals eingenickt sein, nachdem ich den Kampf gegen den Wecker angetreten war. Einiges war geplant für diesen Montag. Und als ich also eine Grundreinigung an mir vornahm und mir neue Kleider anlegte , schwirrten neben Tagesplanungen noch Gedanken an den eben erlebten Traum herum.

Über meine Arbeit aber vergaß und verwarf ich diese Erinnerungen und genoß jenen prächtigen Tag. Der Garten des Herrn von K. war nahezu zwei Hektar weit und ein herrliches Stück an Botanik. Meine Aufgaben waren es, alles im Guten zu halten, die Sträucher, Bäume und Wiesen und Blümchen zu düngen, zu gießen und, wenn nötig, zu schneiden. Ich war höchst ungeeignet für den Beruf des Gärtners und ernstlich konnte ich kaum eine Rose von einer Tulpe unterscheiden und in der Tat hatte ich diese Anstellung mir unverdient erschlichen. Der Werte von K. wusste ob meiner Impotenz im botanischen Bereich, war aber eine allzu gute Seele. Ihr gesamtes ausgewachsenes Leben hatte meine Mutter für die K´s und deren Gärten gearbeitet. Selbst den ehrenwerten Großvater des gegenwärtigen Herrn, der, berühmt über viele Lande, einiges an großer Kunst vollbracht hatte, hatte sie leibhaftig erlebt. Freilich als junges, noch allzu unwissendes Fräulein, das voll Bewunderung und Demut gegen ihn gewesen war, lernte sie ihn kennen und verehren. So sehr verehren, dass sie bis heute mir nicht zu erklären vermag, was es denn für schöne Künste gewesen waren, die der alte adlige Herr damals trieb. Es mussten wohl Dienste für den König gewesen sein, denn stets sprach man auch von Ihre Majestät, wenn es um den Großvater ging. Der heutige Herr des Hauses jedenfalls liebte mich wie er meine Mutter liebte, die in der Tat ein großes Genie ihrer Passion, der grünen Natur, gewesen und mir noch in vielerlei Hinsicht behilflich war. Trotzdem also Herr von K. imstande war zu bemerken, was für ein miserabler Vater ich seinen Blumen war, bekam ich einiges an Duldung und sogar Zuneigung geschenkt, da maman den mir fehlenden Geist zusteuerte, ich einiges durch körperliche Plagerei ausglich und Herr von K. wahrlich ein wenig Barmherzigkeit offenbarte.

Warum mir jener Geist fehlte, vermag ich recht leicht zu erklären: Als es nämlich an der Zeit gewesen wäre etwas über meinen allzu feststehenden Beruf zu lernen, war ich so einiger niederträchtigen Rebellion gegen maman verfallen. Sehr mit Absicht brachte ich, zum Exempel, des späten Abends noch mancherlei Weibsvolk in unsere Hütte, die weit hinter der riesigen Villa der K.´s gelegen war. Das Spiel war stets dasselbe: Aus Großmut und Verachtung gab meine Mutter vor zu schlafen, ich verursachte einigen unnötigen Lärm, noch einigen ungewollten. Noch in der Nacht aber musste alles Weibsvolk verschwinden, denn es am Frühstückstisch am Morgen vorzustellen, hatte ich doch zu viel Respekt vor dem Muttertier und es fehlte auch der Mut. Und noch etwas anderes als die Frauenzimmer erhielt meine Aufmerksamkeit: Ich hoffte, das Mittelalter studieren zu können und machte einige Anstrengungen dafür in der fünf Kilometer entfernten Dorfschule. Und, ecce!, ich wurde zum Musterschüler und Lehrer und der Direktor hatten viel Lob für mich übrig und es schien tatsächlich, als könnte ich zum Mediävist avancieren. Das ließ die Brust meiner Mutter reichlich anschwellen vor Stolz, doch zugeben wollte sie es nicht. Als dann aber meiner Mutter Glieder schwächer wurden und sie schließlich bettlägerig wurde und weil der Vater noch bevor ich ihn ernstlich kennenlernen konnte, verstorben war, musste ich den Garten übernehmen. Ich ergab mich in dieses Schicksal und kann mit einiger Freude behaupten, bis dahin ein erfülltes Leben gehabt zu haben.
So begrüßte ich mit viel gespielter Liebe Rosen und, ich glaube, Tulpen und mähte, Bachs Johannes - Passion vor mich hin summend, jauchzend und frohlockend einen halben Hektar Grass. Abends schloss ich behutsam das Tor des Grundstücks, schmökerte noch ein wenig in Aus dem Leben eines Taugenichts von Gottfried Keller, den ich verehrte, und schlief befriedigt ob des Tages erfüllte Arbeit ein, ohne zu vergessen, vorher meiner Mutter ein Abendmahl zu bereiten, sie zu füttern und Gott für das schöne Leben zu danken.

Als ich aber einschlief, erschien mir nochmals der Kobold und wieder fiel ich bis zum Erwachen und sann darüber die übrige Nacht nach. Noch des Öfteren sollten mir solche Nächte in den nächsten Wochen geschehen und stürzten mich schließlich in jenes grandiose Schicksal, von dessen Erfahrungen aus ich diese Erlebnisse der Nachwelt hinterlasse.

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