Werbinich : Kännchen Coffie

In Amsterdams Cafés wird kein Espresso getrunken. Vier Freunde reisen in ein Land, das Cannabis erlaubt

Julius Wolf

„Nicht weit von uns im Westen, da liegt ein kleines Land, das ich immer, wenn ich da war, ziemlich überzeugend fand.“

* * *

Die erste Strophe des Liedes „Holland“ stammt vom Spaß-Duo Joint Venture, das inzwischen nicht mehr existiert. Aus den Texten könnte man schließen, dass Joint Venture schon öfter in Holland – insbesondere in Amsterdam – waren. Und den Texten kann man entnehmen, was Joint Venture dort vorwiegend gesucht haben: Es steht in ihrem Namen.

Seit einiger Zeit sind wir häufig zu viert unterwegs. Etienne, Leo, Trutz und ich. Der Plan, mit Etienne, Leo und Trutz nach Amsterdam zu fahren, wurde noch in den letzten warmen Sommertagen gefasst. Warum Amsterdam und nicht Mallorca oder Italien, wo es doch so viele hinzieht? Nun, die Niederländer sind der freundlichen Aufforderung von Peter Tosh – einem jamaikanischen Reggae-Sänger, der früher mit Bob Marley zusammenspielte – gefolgt. Sie lautete: „legalize it“.

Für Leo und Trutz war es die erste Reise ins Ausland ohne Eltern. Bevor man uns entließ, hatten unsere Eltern ihren Spaß dabei, ihr gesammeltes pädagogisches Repertoire aufzubieten. Also vier Mal. Vier Reden. Des gleichen Inhalts. Benimmregeln für den Urlaub klingen ungefähr so: „Habt Spaß! Aaaber: Seht euch das Anne Frank-Haus an. Und das Van Gogh-Museum. Spaziert, am besten stundenlang, an den Grachten entlang und seht euch wenigstens die Altstadt an (ihr Kulturbanausen).“ Wir vier durchschnittlichen Jugendlichen, alle im Alter von 16 und 17 Jahren, dachten uns: „Anne Frank-Haus? Van Gogh? Spazieren gehen? Und wo bleibt da der Spaß?“ Und deswegen stieß der Rat, keinen Genever zu trinken, Coffieshops zu meiden und der Vorschlag, sich die Zeit mit umfassenden, den Kulturhorizont erweiternden Spaziergängen zu vertreiben, auf taube Ohren. Wir dankten dennoch für die Anregungen.

Die Suche nach einer Unterkunft war etwas schwierig. Es lief auf ein kleines Appartement hinaus. Im Internet wurde dieses mit herrlichem Ausblick beworben, und Amsterdam ist auch wirklich sehr schön. Die Fahrrinne für Containerschiffe ist es nicht. Wie jeder weiß, sind solche Ferienwohnungen oft sehr hässlich eingerichtet, egal wo man ist. In Österreich zum Beispiel haben wir in jedem Zimmer den Jesus am Kreuz abhängen müssen, bevor wir uns wohl gefühlt haben. Diese Wohnung hatte ihre frische Sauberkeit nach zwei Minuten verloren. Wenn vier Jugendliche, die vom Zug gestresst sind und unbedingt Amsterdam sehen wollen, ihre Sachen auspacken, geht das sehr schnell. Wo ist mein Bett, wo der Schrank? Den Inhalt der Tasche in den Schrank gekippt, fertig.

Der erste Gang durch Amsterdam, beim ersten Hollandbesuch überhaupt, kann sehr lustig sein. Der erste Laden: Einheitspreis zwei Euro. Kaugummis, zwei Euro. Ein Liter Saft, zwei Euro. Eine Dose Cola, zwei Euro. Ein Feuerzeug, zwei Euro. Und wenn man Glück hat, kann man beobachten, wie ein Einheimischer für Kaugummis und eine Dose Cola weniger als einen Euro fünfzig zahlt. Die erste Unterhaltung war noch besser. Wir wollten einen Supermarkt, den wir uns leisten konnten, finden. Wir sprachen eine ältere Frau an:

„Do you know a supermarket or something like that around here?“

„Supermarket? You want Coffeeshop? You have to go left and then… .“

„No, no, we want to buy something: Drinks and Food!”

„Coffieshop?“

„No, a supermarket, like Aldi or ...“

„Ah, you mean Albert Heijn.”

Erstens: Woher weiß eine ältere Dame, wo der Coffieshop ist? Zweitens: Essen und trinken niederländische Jugendliche nichts? Kiffen die nur?

Nach sechs Stunden Zugfahrt, wohlüberlegter Einrichtung im Appartement, Großeinkauf im Supermarkt bei Albert Heijn sind wir müde in der Wohnung angekommen. Das Kochen hat gut geklappt. Allerdings sorgt eine Küche mit nur einem Topf für kleine Wutanfälle, wenn sich vier Leute auf einmal Essen kochen wollen. Nudeln, Fleisch und Suppe, alles zubereitet in einem Topf. Jedes Mal muss man spülen, nichts kann man stehen lassen wie zu Hause, wo sich schon jemand findet, der das wegräumt. Alleinurlaub ist nur was für Sauberkeitsfanatiker. Und wirklich jeden Tag gab es was zum Aufwischen, wahlweise Nudelwasser mit Olivenöl, Bratfett, unverschlossene Trinkpackungen oder ausgelaufenes Dosenbier. Meist Amstel oder Grolsch, weil wir Heineken kollektiv not drinkable fanden, vorsichtig ausgedrückt.

Der erste Coffieshop – manche schreiben sich auch Coffeeshop – war der „Bushdoctor“ (der Name stammt vermutlich vom gleichnamigen Rolling-Stones-Label, wo Peter Tosh 1978 eine Platte aufnahm). Der Laden war ziemlich gemütlich, mit zwei Stockwerken und Tischen vor der Tür. Und man bekommt eine richtige Karte, wie im Restaurant. Es gibt aber nichts zu essen, man kann dafür aber Arabica Special bestellen. Oder Purple Haze. Auch Super Skunk. Wenn man so was auf dem Alexander- oder Potsdamer Platz bringen würde, hätten die Polizisten aber was zu lachen. In Deutschland ist es ja illegal, Cannabis zu kaufen.

Als ich noch in Hamburg gewohnt habe, wurde mir erzählt, Hamburg hätte mehr Brücken als Amsterdam und Venedig zusammen. Bei der Menge von Grachten und den zugehörigen Brücken hier? Wahrscheinlich haben die Hamburger ein wenig angegeben. Erstaunt sind wir vier Durchschnittsjugendlichen noch viel öfter. Zum Beispiel, als wir bemerkten, dass in Amsterdam der Fußgängerweg zu weiten Teilen aus einem Fahrradweg besteht. Also zu so ungefähr 90 Prozent. Erstaunlich auch, dass dort Bromfiets fahren dürfen. Bromfiets? Fiets ist das Fahrrad, und wenn ein Fahrrad brumm macht, ist es ein Mofa oder ein Motorroller. Wir haben das erst mitgekriegt, als es hinter uns hupte und keine Sekunde später jemand mit allem, was seine Maschine hergab, vorbeifuhr.

Später haben wir einen Park besucht. Dort findet man auf dem Boden einen begehbaren und mit Glas bedeckten Spiegel. Einen zerbrochenen Spiegel, und alles zusammen stellt ein Denkmal an den Holocaust dar. Keiner von uns sympathisiert mit Glatzen. Und keiner von uns sieht auch nur annähernd so aus. Trotzdem sind wir direkt danach in einer belebten Fußgängerzone von vier Jugendlichen nach dem Weg gefragt worden, auf Niederländisch und in gebrochenem Deutsch. Und dann, als wir schon weitergingen, kam tatsächlich von hinten „Heil Hitler“, und die Kerle standen mit erhobenem Arm da. Etienne schrie die Jungs auf Englisch an. Darauf waren die vier nicht so wirklich vorbereitet, und drei von ihnen sind sofort gegangen. Der angehende Stand-Up-Comedian, der diesen unglaublichen Reißer gebracht hatte, stand alleine da und wusste nicht, was er sagen sollte. Etienne hat ihn dann mit einem abschließenden „Just fuck you“ stehen lassen. Na ja, was soll man sagen, wahrscheinlich ist die Arschloch-Quote in Holland genauso groß wie in Deutschland. Ansonsten gilt:

„Nicht weit von uns im Westen, da liegt ein kleines Land, das ich immer, wenn ich da war, ziemlich überzeugend fand.“

Übrigens: Das Anne Frank-Haus und das van Gogh-Museum gucken wir uns beim nächsten Mal an. Ganz bestimmt.

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