Werbinich : Kalorien tanken im Harz

UnsereLeserin Ilse Bode hat 1951 auf einer Klassenfahrt gefuttert und Wunderbares erlebt

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1951 ging ich in Charlottenburg in die siebte Klasse, da passierte etwas Unglaubliches: Wir machten eine Klassenfahrt in den Harz. Die Menschen kämpften ums Überleben, viele hatten keine Wohnung und keiner dachte daran, dass Kinder Erholung bräuchten. Nur unsere Klassenlehrerin. Die schaffte es, ihre Lehrerkollegen zu überzeugen, dass sie uns heil durch die Zonengrenzen bringen würde und brachte unsere Eltern sogar dazu, Geld für die Fahrt zu geben.

Für die meisten von uns war es die erste Reise ihres Lebens. Nach der stundenlangen Busfahrt kamen wir zu einer Jugendherberge auf einem Hügel, inmitten von Wiesen und Wäldern. So viel Grün, schon das allein war für uns kaum zu fassen. In Berlin schauten wir auf Trümmer und triste Hinterhöfe. Theoretisch sollte der Unterricht hier fortgeführt werden, praktisch spielten wir Völkerball, machten Wanderungen oder lagen einfach faul auf der Wiese.

In der zweiten Woche hatte unsere Lehrerin eine ganz besondere Überraschung für uns: Vor der Herberge stand ein Bus, der mit uns eine Rundfahrt durch den Harz machte. Von welchem Geld, weiß ich nicht, ich nehme an, dass unsere Lehrerin die Fahrt zumindest teilweise aus eigener Tasche bezahlt hat. Als Höhepunkt besuchten wir die Iberger Tropfsteinhöhle. Dabei haben wir mehr Wunderbares und Neues gesehen als in allen Jahren zuvor. Als sich der Urlaub dem Ende zuneigte, veranstalteten wir noch ein Kostümfest.

Als wir wieder nach Hause fuhren, brachten wir eineinhalb Zentner Lebendgewicht mehr mit, als wir zwei Wochen zuvor mitgenommen hatten. Denn unsere Herbergsmutter hatte nur ein Ziel: uns so viel wie möglich anzufuttern. Sie kochte für uns dreigängige Menüs, liebevoll zubereitet und möglichst kalorienreich. Sie dachte, dass wir Berliner Kinder immer noch hungern müssen.

Bereits am zweiten Tag hatte sie extra für uns eine Kartoffelwaage angeschafft, auf der wir einzeln gewogen wurden, unser Gewicht wurde sorgfältig notiert. Ich selbst brachte es gerade mal auf 40 Kilo. Am letzten Tag wurde die Kartoffelwaage wieder herbeigeschleppt und wir wurden ein zweites Mal gewogen. Wie stolz waren die Herbergsmutter und die Lehrerin, dass jeder von uns rund drei Pfund zugenommen hatte!

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Ilse Bode ist 66 Jahre alt. Sie arbeitete nach der Schulzeit als Drogistin.

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