Werbinich : Keine Angst mehr vorm Diktat

Lehrer sollen selbst entscheiden, ob sie die Rechtschreib-Kompetenz überprüfen und benoten. In Bayern ist das schon längst so

Claudia Keller

Die Klagen der Personalchefs werden immer lauter: Die Bewerbungsmappen der Schulabsolventen strotzen vor Rechtschreibfehlern. Da mutet es seltsam an, dass die Berliner Schulverwaltung den Deutschlehrern jetzt frei stellenwill, ob sie künftig überhaupt noch Diktate schreiben. Die Entwürfe für die neue Grundschulverordnung und die für die Klassen 7 bis 10 schreiben Diktate nicht mehr verbindlich vor. „Schriftliche Leistungen sind Klassenarbeiten und andere schriftliche Kurzkontrollen, beispielsweise Diktate, Vokabeltests und Grammatikarbeiten“, steht dort. Bisher mussten die Schüler sechs bis acht Diktate und noch zwei bis drei Aufsätze pro Jahr schreiben. Statt der Diktatpflicht soll künftig in allen Fächern bei den Klassenarbeiten stärker auf sprachliche Richtigkeit geachtet werden. Die Verordnungen sollen im November verabschiedet werden, der Schulbeirat hat zugestimmt, Bildungssenator Klaus Böger (SPD) muss noch unterschreiben.

Eine kleine Umfrage ergab: Die meisten Westberliner Deutschlehrer und der bundesweite Fachverband Deutsch sind froh, wenn die Diktatpflicht abgeschafft wird. Viele Lehrer im Osten der Stadt und Bildungspolitiker von CDU und FDP trauern hingegen dieser traditionellen Form der Leistungskontrolle nach.

„Seit 30 Jahren wissen Pädagogen, dass Diktate nicht zum Aufbau von Rechtschreibkompetenz beitragen“, sagt Karin Babbe von der Erika-Mann-Grundschule in Wedding. Sie fühlt sich richtig „befreit“, wenn die Diktatpflicht nun endlich fällt. Wenn man einer Klasse 30 Minuten lang etwas vorsetze, jedem Schüler im gleichen Tempo, erreiche man nur die Guten. Die Mehrheit aber komme nicht mit und sei hinterher nur umso frustrierter und unmotivierter. „Diktate sind eine lebensferne Situation und machen deshalb keinen Sinn“, sagt Astrid-Sabine Busse, die dem Interessenverband Berliner Schulleitungen vorsteht und die Grundschule in der Köllnischen Heide leitet. Es gebe längst andere Methoden, um die Schreibweise zu trainieren und zu kontrollieren. Eine ist die „Hamburger Rechtschreibprobe“. Mit ihr kontrolliert man zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Entwicklung des Kindes die Fähigkeit, richtig zu schreiben und analysiert, wie sich das strategische Denken verändert. Denn das Wichtigste ist, da sind sich alle Lehrer einig, dass Schüler begreifen, warum sie welche Fehler machen.

Um Wortbilder im Kopf zu speichern, empfiehlt Karin Babbe statt des klassischen Diktats Laufdiktate: Da werden im Klassenzimmer Worte und Sätze aus Pappe verteilt. Die Schüler schauen sich einen Satz so lange an, bis sie meinen, das Wortbild und den Klang im Kopf gespeichert zu haben. Erst dann notieren sie den Satz an ihrem Platz und vergleichen anschließend. Ein anderes Beispiel, das Gegner des Diktats anführen: Wenn ein Kind „Hund“ mit T schreibe, sei das einerseits falsch. Je nachdem, in welchem Lernstadium es sich befindet, könne sich dahinter aber auch ein Fortschritt zeigen: Das Kind hat begriffen, dass es für den gehörten Laut „T“ in den meisten Fällen „T“ schreiben muss.

Der Schulleiter der Arnold–ZweigGrundschule in Pankow hält hingegen Diktate als Klassenarbeiten durchaus für wichtig, „damit die Schüler eine Rückkopplung haben“. CDU-Bildungspolitikerin Katrin Schultze-Berndt befürchtet, dass mit dem Wegfall der Diktatpflicht die Rechtschreibung zur Nebensache verkommt. Es sei gerade wichtig, dass Kinder Sätze schreiben müssen, die sie im eigenen Sprachgebrauch nicht verwenden. „Im Aufsatz kann man sich drücken vor schwierigen Wörtern, indem man ein einfaches wählt.“ Dieser Meinung schließt sich IHK-Sprecher Stefan Siebner an. Er ist überzeugt, „dass Diktate eine wichtige Rolle spielen bei der Einübung der Rechtschreibung“. Wenn Kinder nicht richtig schreiben, vermasseln sie sich ihren Berufsweg. Außerdem würden auch in Eignungstests Diktate geschrieben. Da ist es gut, wenn ein Jugendlicher die Situation kennt.

Auch FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben kann sich „nicht vorstellen, auf Diktate als Leistungskontrolle zu verzichten. Man muss den Kindern doch sagen, wo sie stehen.“ Letztlich komme es aber auf das Ergebnis an, gibt Elternsprecher André Schindler zu bedenken. „Die Rechtschreibung muss einen zentralen Stellenwert behalten. Wie das erreicht wird, ist zweitrangig.“

Die Schulverwaltung betont: Es geht nicht um die Abschaffung der Diktate. Aber man will den Lehrern mehr Eigenverantwortung geben. „Dann müssen sich aber auch alle den Vergleichsarbeiten stellen“, sagt Mieke Senftleben. „Dann wird sich ja herausstellen, welche Methode die beste ist.“

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