Werbinich : Keine Angst vor dem Sowjetoffizier Leser Hans Klockmann würdigt seinen Direktor

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Anfang der 50er Jahre machte ich Abitur an der GeschwisterScholl-Oberschule in Burg bei Magdeburg. Von 1947 bis 1950 leitete Dr. phil. Hubert Tschersig unsere Schule. In der Weimarer Republik hatte er sich bei den Sozialdemokraten engagiert und als Oberschulrat in der Schulaufsichtsbehörde der Provinz Schlesien gearbeitet. 1933 vertrieben ihn die Nazis aus seinen Ämtern, weil er sich als Kommissar für das Rundfunkwesen geweigert hatte, eine Rede Hitlers zur Reichspräsidentenwahl am 13. März 1932 über den Sender Breslau zu übertragen. Danach kam er nach Burg und fing als einfacher Lehrer noch einmal von vorne an. Wegen seines enormen Wissens wurde er bald zum Direktor des Lyzeums ernannt.

Wir Schüler liebten ihn. Denn er war mutig, tolerant und weltoffen. Außerdem hatte er Humor. So wurde er auch damit fertig, dass einige Schüler ein Bild von Stalin auf einer Wandzeitung verzierten. War natürlich ironisch gemeint. Der sowjetische Offizier, der am nächsten Tag vorbeikam, fand das gar nicht lustig und stellte unseren Direktor zur Rede. Aber irgendwie schaffte er es, selbst diesen grimmigen Offizier davon zu überzeugen, dass wir es angeblich ernst gemeint hätten und das Bild verschönern wollten. Das war nicht das einzige Mal, dass sich Herr Tschersig vor uns stellte. In dieser politisch bewegten Zeit hatten nicht viele Schuldirektoren den Mut dazu.

Es gab noch keine Lehrbücher, so kurz nach dem Krieg, deshalb hing alles vom Wissen, Können und der Einstellung des Lehrers ab. Wir haben ihn dafür geachtet, dass er uns Geschichte nicht nur entlang der Parteilinie beibrachte, sondern auch als unabhängiger Geist. Die Weimarer Republik waren für ihn nicht nur Jahre des Klassenkampfes, das Bürgertum war nicht die Ausbeuterklasse. Er erzählte uns auch von den kulturellen Errungenschaften dieser Zeit. Auch bemühte sich Herr Tschersig, uns zur freien Rede zu erziehen. „Ihr werdet einmal die führenden Leute in der Gesellschaft sein“, sagte er, „deshalb müsst ihr in der Lage sein, eure Gedanken auch vor einer großen Runde zu formulieren.“ Es wurden Themen verteilt, dann musste man aus dem Stegreif eine Rede halten. Das war hart, aber wir haben viel gelernt.Aufgezeichnet von Claudia Keller. Hans Klockmann ist 73 Jahre alt. Er arbeitete als Diplom-Ökonom in der Staatsbank der DDR und als Verlagsredakteur.

Hans Klockmanns (73) Schulleiter hat seine Schüler gegenüber den sowjetischen Besatzern verteidigt. Das machten nicht alle Rektoren.

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