Werbinich : „Kinder müssen Verantwortung tragen“

Ihre Schüler putzen selbst und waren super beimPisa-Test.Die frühere Direktorin EnjaRiegel sagt,warum

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Frau Riegel, in der Wiesbadener HeleneLange-Schule, die Sie lange geleitet haben, ist vieles anders: Zum Beispiel putzen die Kinder die Klassenräume selbst.

Ja, denn wir finden, dass sie Verantwortung dafür übernehmen sollen, wie ihr Lebensraum aussieht. Mit dem Geld, das wir so einsparen, bezahlen wir zum Beispiel Theaterregisseure, die professionell mit den Schülern arbeiten. Und was meinen Sie, wie stolz die Schüler sind, wenn von ihrem Geld ein Theaterstück aufgeführt oder ein Gerät gekauft wird!

In Berlin gäbe es sofort die Befürchtung, dass der Finanzsenator das Geld kassiert.

Das wäre ein großer Fehler. Das Geld, das Schüler einsparen, muss sinnvoll für die Schule ausgegeben werden. In Wiesbaden weiß die Verwaltung genau, dass sie Vorteile davon hat: Bei uns gibt es so gut wie keinen Vandalismus. Der kommt ja daher, dass Schüler ihre Schule als anonymen Ort empfinden, der ihnen nicht gehört, so wie ein Bahnhof. In der Helene-Lange-Schule dagegen legen wir Wert darauf, dass die Schüler ihre Räume selbst gestalten und auch renovieren. Dadurch entsteht ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit.

In der Helene-Lange-Schule hat jeder Jahrgang eine eigene Etage, mit vier Klassenräumen, aber auch einem großen Lichthof in der Mitte, dem Schülertreff. Während des Unterrichts stehen die Türen offen. Warum?

Die Schüler arbeiten oft in kleinen Gruppen, innerhalb oder außerhalb des Klassenzimmers. Auch der Lehrer ist mal hier, mal dort, je nachdem, wo er gebraucht wird. Natürlich gibt es auch bei uns ganz normalen Frontalunterricht. Aber wir arbeiten viel in fächerübergreifenden Projekten: Die Schüler entscheiden sich für ein Thema, zum Beispiel Wasser, formulieren ihre eigenen Fragen und arbeiten dann wochenlang daran, immer verbunden mir Präsentationen am Ende. Diese Art Offenheit funktioniert nur, wenn man mit den Schülern Regeln einübt: etwa wie sie in Windeseile die Anordnung der Stühle verändern können, ohne dass Chaos entsteht.

In Ihrem gerade erschienenen Buch „Schule kann gelingen!“ beschreiben Sie wochenlange Projekte, aufwändige Theaterproduktionen, Praktika in Kindergärten für Siebtklässler und in Altenheimen für die Zehntklässler – bleibt da nicht der Fachunterricht auf der Strecke?

Die Helene-Lange-Schule hat im Pisa-Test und auch beim TIMSS-Mathematik-Test als eine der besten deutschen Schulen abgeschnitten. Unsere Schüler lernen, selbstständig zu denken, sich Themen zu erschließen, im Team zu arbeiten, ihre Ergebnisse zu präsentieren, Verantwortung zu übernehmen. Das ist wichtiger, als einen ohnehin überfrachteten Lehrplan Punkt für Punkt abzuarbeiten. Sie lernen auch, Schwächeren zu helfen – wir sind schließlich eine integrierte Gesamtschule, in der die Hälfte der Schüler eine Real- oder Hauptschulempfehlung haben. Alle Kinder lernen zusammen, von der fünften bis zur zehnten Klasse, ohne Aufteilung in Leistungsgruppen.

In normalen Gesamtschulen wechseln die Schüler ständig Räume, Lehrer, Gruppe …

Das finde ich ganz schlimm. Bei uns betreut ein Team von acht bis zehn Lehrern einen Jahrgang mit 100 Schülern von der Fünften bis zur Zehnten. Auch der Klassenlehrer bleibt sechs volle Jahre bei seiner Klasse. Dann lernt man die Schüler richtig kennen und sieht auch die Erfolge. Dass sich so viele Lehrer ausgebrannt fühlen, kommt ja daher, weil sie zu viele Kinder und wechselnde Gruppen unterrichten, die sie wie ein Dompteur zum Stillhalten bringen sollen. Unsere Lehrer haben ein entspannteres Dasein, und sie helfen einander im Team.

Bei Ihnen unterrichten die Lehrer auch Fächer, die sie gar nicht studiert haben.

Wenn acht bis zehn Lehrer einen ganzen Jahrgang betreuen, geht es gar nicht ohne fachfremden Unterricht. Unsere Erfahrung ist: Das geht weder auf Kosten der Autorität noch auf Kosten der Fachvermittlung. Im Gegenteil: Die Lehrer bleiben auf diese Weise immer auch Lernende, sie können sich in die Fehlerstrategien der Schüler leichter hineinversetzen, und sie holen sich Rat von ihren Fachkollegen.

Zu Ihnen kommen viele Besucher…

Allerdings kaum welche aus Berlin!

…die sich etwas abgucken wollen. Was muss eine Schule tun, die sich verändern will?

Wir haben uns selbst viel abgeguckt. Jede Schule kann sich auf den Weg machen, man braucht nicht mehr Geld oder mehr Personal. Das Wichtigste ist, dass die Lehrer bereit sind, anders zu arbeiten. Die meisten Lehrer in Deutschland denken ja: Ich habe die falschen Schüler. Sie unterrichten Fächer, nicht Schüler. Sie müssen aber Schüler unterrichten wollen und sich über ihre Unterschiedlichkeit freuen. Daraus entwickelt sich alles andere. Ohne einen guten Schulleiter geht es allerdings nicht.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

Enja Riegel leitete 19 Jahre lang die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Seit 2003 ist sie pensioniert. Die „Hela“ ist Unesco-Modellschule.

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