Werbinich : Kino im Klassenzimmer

Film statt Buch: Was Schüler im Geschichtsunterricht am Beispiel des aktuellen Streifens „Der rote Kakadu“ lernen können

Stefan Jacobs

Zehn Minuten und fünf Blätter auf dem Flipchart müssen reichen für die Erklärung der weltpolitischen Lage. Weltkrieg, Kapitulation, hier die Sowjets, dort die Westalliierten, Deutschland aufgeteilt in Besatzungszonen – und Berlin mittendrin. Mit flüchtigem Filzstiftstrich schreibt Geschichtslehrer Michael Sattler Abkürzungen aufs Papier, kringelt sie ein und verbindet sie, bis alles mit allem zusammenhängt. Dann werden die Vorhänge zugezogen und das Klassenzimmer zum Kino. Zum Premierenkino, denn zum ersten Mal ist ein aktueller Kinofilm für den Unterrichtsgebrauch aufbereitet und mit Zusatzinformationen bestückt worden. Die Schüler sollen erkennen lernen, wie Bilder wirken: wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion in ihnen steckt. Und wo die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verlaufen. Es geht um den Film als Produkt und um die Geschichte, die ihm zugrunde liegt.

Sattler ist einer jener Lehrer, die Autorität ausstrahlen, ohne autoritär zu sein. Der 44-Jährige und seine Schüler respektieren sich mit Selbstverständlichkeit. Die Elftklässler der Moabiter Menzel-Oberschule wissen, was sie an ihrem Lehrer haben, der mit ihnen in dieser Doppelstunde das Experiment namens „Kino trifft Schule“ startet. Den Anfang macht eine pädagogisch aufbereitete Begleit-DVD zum „Roten Kakadu“, der im Februar in die Kinos kam. Der nach einer real existierenden Dresdner Tanzbar benannte Spielfilm erzählt eine Liebesgeschichte in der DDR aus dem Sommer 1961; wenige Wochen, bevor der Arbeiter- und Bauernstaat seine Bewohner physisch und moralisch einmauerte.

„Die Frage ist, ob das Material für den Geschichtsunterricht überhaupt verwendbar ist“, sagt Sattler, der seinen Schülern zuvor einige Arbeitsblätter ausgedruckt hatte, die zur DVD gehören: Ulbrichts „Niemand hat die Absicht …“- Rede, das Anforderungsprofil der Stasi an einen IM, den Beschluss des DDR-Ministerrates zum Mauerbau. Film ab.

Die erste Szene: Jugendliche auf einer Wiese im Park, jemand holt einen Plattenspieler raus, Rock’n’Roll röhrt. Nur Sekunden später tritt jemand das Gerät kaputt, von einem herbeirasenden Lastwagen springen Polizisten, treiben die jungen Leute mit Schlagstöcken auseinander. Schnitt, Stopp. Betretene Stille im abgedunkelten Klassenzimmer.

„Was ist euch aufgefallen?“, fragt Sattler. Der Mann in Zivil, der den Plattenspieler zertrampelt hat, muss vorher schon unauffällig in der Gruppe gewesen sein, sagt Mustafa. Stasi-IM, tippt er. „Man musste also immer aufpassen, mit wem man sich abgibt“, fügt Luis hinzu. Vielleicht war die amerikanische Musik für DDR-Jugendliche erstrebenswerter als der Aufbau des Sozialismus im eigenen Land, vermutet er.

Im Film geht es um eine Dreiecksbeziehung. Beteiligte: Wolle, ein unerschrockener Lebemann, der sich nicht anpassen will. Siggi, schüchtern und auf Harmonie bedacht. Und Luise: klug, stark und begehrt. „Noch 14 Wochen bis zum Mauerbau“, steht auf der Leinwand. Nächste Szene. Siggi besucht eine Autogrammstunde von Heinrich Böll im Westteil Berlins. Wieder in Dresden, bei einer Party im „Roten Kakadu“, rät ihm ein Stasi-Mann, schleunigst den Platz an Wolles Seite zu verlassen. Sie wollen sich Wolle schnappen.

Die Schüler erfahren nicht, wie die Sache ausgeht. Aber die Teile des Puzzles ergeben ein Bild. Chan ist aufgefallen, wie Siggi angesichts der Umstehenden gestammelt hat, bevor er Böll – obwohl im Westen! – Luises Namen für die Widmung genannt hat. So druckst nur, wer Angst hat, sagt Chan. „Siggi ist so ein verunsicherter Kandidat, den man eventuell noch umstimmen und als IM werben kann“, vermutet Linda. Und Amadi ist nachdenklich geworden, als Luise im Film gerade eine Karte an sich selbst geschrieben hat – als Erinnerung an den tollen Tag. Wer so etwas tut, muss auf schlechte Zeiten gefasst sein, sagt sie.

Der Lehrer nickt eifrig, animiert zum Weiterdenken: „Was meint ihr, ob Luise in den Westen gehen wird?“ Nein, sagen die Schüler. Bleiben wird sie und kämpfen für ihr kleines Land, das den falschen Leuten in die Hände gefallen ist und deshalb zum Gefängnis wird.

„Mich würde interessieren, ob Wolle in den Westen gehen würde“, sagt Lena. Dann leuchtet die Lampe über der Tür: Die Stunde ist zu Ende. 90 Minuten, die sich wie 30 anfühlten. Sattler ist begeistert, wie aufmerksam seine Schüler bei der Sache waren: „Das war klasse. Aber man bräuchte zwei Doppelstunden.“ Ein paar Jungs bleiben noch, reden über den Film. Mustafa erinnert sich an die Geschichten seiner Eltern von Ausflügen in den Ostteil Berlins in den 80er Jahren: Wie die DDR-Grenzer mit Spiegeln unters Auto krochen, um jeden Winkel zu kontrollieren. Von Bildern bleibt viel mehr hängen als von jedem Lehrbuchtext, sagt Tobias. Chan nickt.

Keiner aus der Klasse hatte den Film vorher gesehen, auch Sattler nicht. Die gezeigten Ausschnitte waren zu kurz, um die ganze Geschichte zu verstehen, auch das Ende bleibt offen. Der Filmverleih will die Schüler schließlich ins Kino locken. „Die Sequenzen haben das Thema am Leben gehalten“, resümiert Sattler. „Ich habe diese zwei Stunden wirklich genossen.“ Ihm war die Stasi ein wenig zu dominant, aber das liegt am Film und nicht an dessen Aufbereitung für die Schule. Viele Dinge hätte er gern noch geklärt mit seinen Schülern. „Kino trifft Schule“ – das funktioniert, findet der Lehrer. Doch wenn daraus mehr werden soll als eine flüchtige Begegnung, bräuchte er einen ganzen Schultag. Dafür aber ist im Lehrplan kein Platz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben