Kirche : Herr, hilf!

Deutschland droht ein Priestermangel. Sebastian Schmidt, 25, ist einer der wenigen, der sein Leben dem Dienst an Gott widmen will

Lea Hampel
Schwere Entscheidung. Ein Leben als Priester hat viele Entbehrungen zur Folge – und bedeutet nicht zuletzt den Verzicht auf Familie und Kinder. Vergangenen Herbst haben 120 junge Männer eine Ausbildung begonnen, so wenige wie nie zuvor. Foto: Laif Foto: laif
Schwere Entscheidung. Ein Leben als Priester hat viele Entbehrungen zur Folge – und bedeutet nicht zuletzt den Verzicht auf...Foto: laif

Immer wieder legt er seine Hände auf seine obere Körpermitte, dorthin, wo wir unser Herz verorten. Er legt sie ineinander, beugt sich langsam vor und starrt auf die Tischplatte. Als könnte er so besser nachdenken. Als verschwände er kurz in seinem Inneren, um seinen Geist zu befragen. Die Frage, die er beantworten soll, ist groß, denn Sebastian Schmidt ist eine Ausnahme. Er ist einer der wenigen jungen Männer in Deutschland, die sich entschieden haben, Priester zu werden. Die Frage nach dem Warum gehört für den 25-Jährigen zum Alltag.

Wie Sebastian Schmidt befinden sich etwa 800 junge Männer in Deutschland in ihrer Ausbildung zum katholischen Priester. 2010 wurden lediglich 79 neue Priester geweiht. 120 Kandidaten haben vergangenen Herbst ihre Ausbildung begonnen, so wenige wie nie zuvor. Deshalb war in letzter Zeit häufig von Priestermangel die Rede.

Auch Sebastian hat diesen Beruf lange nicht in Betracht gezogen. Und das, obwohl er in einem gläubigen Elternhaus aufgewachsen ist: Sein Vater ist evangelisch, die Mutter katholisch. Schon als Kind besuchte er mit ihnen regelmäßig die Heilig-Kreuz-Kirche in seiner Heimatgemeinde Lichtenberg-Hohenschönhausen. Zu DDR-Zeiten war das nicht selbstverständlich. Gläubige mussten Repressalien fürchten, die Regierung propagierte ein nichtreligiöses Weltbild.

Wie viel ihm der Glaube bedeutet, ahnt man, wenn Sebastian vom ersten Gottesdienst erzählt, den er als Ministrant mitgestalten durfte, „so ganz nah dran am Sakrament“. Statt Fußball zu spielen, ging er in die Kirche, verbrachte viel Zeit im Jugendhaus der Gemeinde. Vielleicht fing er damals an, sich an die Außenseiterrolle zu gewöhnen.

Seine nichtreligiösen Freunde aus der Schule wussten, dass Glaube für ihn eine große Rolle spielt. Ein Thema war das nie, betont Sebastian. Das änderte sich zur Jugendweihe. „Für mich stand da nichts dahinter“, sagt er. Wichtig sei für ihn die Firmung gewesen, die mit Aufgaben in der Gemeinde verbunden war, und natürlich „bin ich froh gewesen, auch was zu haben“, sagt er. Er wurde Oberministrant, wechselte zur elften Klasse auf eine katholische Schule, fuhr auf Gemeindefahrten nach Zinnowitz. Eine Faszination habe er gespürt, „eine Berufung aber noch nicht“.

Nach dem Abitur wollte Sebastian einen menschennahen Beruf ergreifen. Er fing an, Sozialpädagogik zu studieren. In seiner Freizeit engagierte er sich weiterhin in seiner Gemeinde. In dieser Zeit tauchte allmählich die Frage auf: „Ist der Priesterberuf etwas für mich?“

„Schon damals war ich viel im Dialog mit Kindern und Jugendlichen“, sagt er. Über den Glauben zu reden, andere Menschen dahin zu führen, machte ihm Spaß. Und dann – Sebastian legt wieder beide Hände auf die Brust – „habe ich die Wahrheit für mich gefunden: Ich will mein Leben in Gemeinschaft mit Christus führen.“ Er hält kurz inne, sein Blick schweift ins Weite. „Oder es versuchen.“

Glaubhaft. Sebastian ist in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen. Foto: Philipp Wellmer
Glaubhaft. Sebastian ist in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen. Foto: Philipp Wellmer

Wenn Sebastian von dieser Gemeinschaft spricht, geht es ihm nicht nur darum, ein „guter Mensch“ zu sein. Das könne jeder Atheist, findet er. Unter „Gemeinschaft mit Christus“ versteht er, so drückt er es aus, „sein Leben in Jesus’ Hände zu legen“. Als junger Mensch bedeutet das für Sebastian, reflektiert mit anderen umzugehen, nicht schlecht über sie zu reden, sich mit Geistlichen auszutauschen.

Als die Entscheidung gefallen war, hat das die wenigsten aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis verwundert. Wenn er Menschen erklärt, was er macht, hört er häufig: „Das passt.“ Auch seine Eltern waren nicht erstaunt. „Die haben schon gemerkt, dass ich nicht auf der Suche nach einer Freundin war“, sagt er und schmunzelt. Als er ihnen erklärte, wie er sich seine Zukunft vorstellt, fing er nicht mit dem Satz „Leider gibt es keine Enkelkinder“ an. Stattdessen kündigte er sein Theologiestudium an. Mittlerweile ist er im zweiten Studienjahr.

Wenn man sieht, wie sich Sebastian durch die hellen, großen Räume des Priesterseminars am Rande von Augsburg bewegt, weiß man, was Menschen meinen, wenn sie „Das passt“ zu ihm sagen. Die anderen Leser in der Bibliothek, die beruhigende Klarheit der Einrichtung, die nur durch alte Landkarten und einzelne Heiligenbilder durchbrochen wird – Sebastian scheint hier gut aufgehoben zu sein.

Der Alltag im Priesterseminar ist anstrengend. Neben den Vorlesungen an der Augsburger Uni lernt er alte Sprachen wie Hebräisch, hat Sprechunterricht und Pädagogikkurse. Er besucht täglich die Messe, an den Wochenenden finden Themenseminare statt. Für Sebastian ist das nicht nur ein Studium. Er nennt es die Zeit, in der er „an seiner Christusliebe arbeiten will“. Die Ausbildung dauert mindestens acht Jahre, auch, weil sie der Entscheidung dienen soll. Viele hören auf, weil sie sich verlieben oder sie sich doch für einen anderen Beruf entscheiden. Nur jeder Dritte, der eine Ausbildung beginnt, wird geweiht. Kein Wunder, es wartet ein 24-Stunden-Job mit geringen Karrierechancen.

Für Sebastian kommt Aufgeben nicht infrage. „Ich könnte es mir nicht vorstellen und möchte nicht unbedingt Familien- und Ehemann sein“, sagt er bestimmt. Er kennt das Gefühl, verliebt zu sein. Aber wenn er sieht, wie Freunde bei Liebeskummer leiden, dann könne er sich glücklich schätzen, das nicht durchmachen zu müssen, sagt er.

Spätere Zweifel, ob ihm nicht doch etwas fehlen könnte, will Sebastian nicht ausschließen. Vorerst hat er jedoch Spaß am Studium, genießt die „Gemeinschaft“, wie er es ausdrückt. Und freut sich auf die Arbeit in der Gemeinde. Hat er doch Probleme, bespricht er sie mit seinem Spiritual. Das ist eine Art Vertrauensperson, die unter Schweigepflicht steht. An sie können sich die Studenten wenden – bei religiösen Fragen oder Problemen, die sie nicht im Seminar besprechen möchten. Jeder Priesteranwärter hat einen solchen Spiritual.

Zweifel der großen Art hatte Sebastian bisher kaum. Zwar hat er den Weg infrage gestellt und Angst gehabt, nicht stark genug zu sein, um Seelsorge zu leisten. Dass – wie im vergangenen Jahr bekannt wurde – Seelsorge schon zu weit ging, dass einzelne Männer der Kirche ihre Machtstellung missbraucht haben, hat ihn aber nicht am Glauben zweifeln lassen. Enttäuscht sei er gewesen und traurig, weil er findet, dass die Kirche nur zu solchen Themen in den Medien auftauche. Die Skandale seien schlimm gewesen, und Aufklärung sei notwendig – an der Kirche als Institution hatte er aber keine Zweifel.

Sebastian ist überzeugt, dass sich das in den kommenden Jahren seiner Ausbildung nicht ändern wird. Frühestens 2016 wird er theoretisch zum Priester geweiht. Wie er dann vorne steht und die Hände auf die Brust legt, kann man sich jetzt schon gut vorstellen. „Klar, hundertprozentige Sicherheit gibt es nie“, das weiß er, „das ist ein lebenslanger Prozess. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht.“

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