Werbinich : Klasse Zeitung

Wie bringt man Grundschüler dazu, gern und täglich zu lesen? Am besten mit Berichten aus der lokalen Presse, meinen Forscher. Ein Projekt der Stiftung Lesen spricht Viertklässler an

Dorothee Nolte

Die erste halbe Stunde am Morgen gehört dem bedruckten Papier. Weit aufgefaltet liegt es auf den Tischen, in der Lese-Ecke, auf dem Boden, darüber beugen sich die Köpfe von Acht- und Neunjährigen, die die Wetterkarte studieren oder den Lokalbericht aus dem Wildtierpark. Immerhin, die Schüler wissen schon genau, wo sie das Wetter oder die Tiere zu suchen haben; den Aufbau ihrer Lokalzeitung, die Einteilung in Bücher und Ressorts, haben sie in den vergangenen Wochen erforscht.

Einige beginnen damit, den für sie interessantesten Artikel auszuschneiden, aufzukleben und unbekannte Wörter zu unterstreichen; auch das gehört zum morgendlichen Ritual. Und was sie an dem Artikel interessant fanden, das werden sie gleich ihren Mitschülern erzählen – voller Stolz, Bescheid zu wissen.

Lieselotte Elmerling, Grundschullehrerin aus Worms, arbeitet schon seit Jahren im Unterricht mit Zeitungen. Sie beginnt damit bereits in ihren zweiten Klassen – obwohl Zeitungen als Unterrichtsthema sonst fast nur in weiterführenden Schulen auf dem Plan stehen. Mit den ganz Kleinen geht es nicht nur ums Lesen und Verstehen – die Zeitungen werden auch gebraucht, um damit zu basteln, sie zu falten oder daraus Pappmaché-Figuren zu machen.

Je größer die Kinder, desto besser kann man eigene kleine Zeitungen mit ihnen gestalten, neue Schlagzeilen für Artikel erfinden, Wandzeitungen entwerfen, unbekannte Wörter nachschlagen oder ein Zeitungs-Quiz veranstalten. „Die Kinder interessieren sich für das Aktuelle“, hat Elmering beobachtet. „Sie freuen sich, wenn sie Dinge aus ihrer Umgebung in der Zeitung finden, besonders natürlich, wenn es ihre Schule betrifft.“

Mit einer ihrer Klassen hat Lieselotte Elmering an einem Projekt teilgenommen, das die Journalistenschule Ruhr zusammen mit der Stiftung Lesen jetzt bundesweit betreibt und an dem sich auch der Tagesspiegel beteiligt. In zwei Regionen in Rheinland-Pfalz und im Ruhrgebiet haben insgesamt 25 Klassen über zwei bis vier Wochen Klassensätze ihrer Lokalzeitung erhalten. Die Projektleiter haben gemeinsam mit den Lehrern ausprobiert, wie man Schülern dieser Altersgruppe die Zeitungslektüre am besten nahe bringt. Was sie herausgefunden haben, kann man in einer Broschüre nachlesen (siehe Kasten), die didaktische Tipps gibt und in ganz Deutschland das Thema Zeitung im Grundschulunterricht populär machen soll.

Wichtig ist, fasst Franz-Josef Payrhuber vom rheinland-pfälzischen Lehrerfortbildungsinstitut zusammen, dass jedes Kind ein eigenes Zeitungsexemplar bekommt; morgens soll es eine feste Lesezeit geben, in der die Kinder frei in der Zeitung schmökern und lesen können, was sie wollen. „Auch Kindern, denen das Lesen sonst Probleme macht, haben interessiert und konzentriert gelesen“, sagt er, die Kinder tauschten sich intensiv über das Gelesene aus. Jungs würden besonders gern die Artikel über Fußball lesen, Mädchen die über Tiere und – ab dem vierten Schuljahr – über Politik.

Zunächst einmal müssen die Kinder lernen, dass die Zeitung kein Buch ist, also nicht von vorne bis hinten durchgelesen wird. Und sie sollen, so Payrhuber, auch in ihrem zarten Alter bereits einen Eindruck davon gewinnen, wie Zeitungsberichte zustande kommen, wie Themen ausgewählt und wie recherchiert wird. Es sei dabei gerade ein Vorteil, dass eine Zeitung eben kein „didaktisch reduziertes Medium“ ist, sondern vieles enthält, was die Kinder noch nicht verstehen; das spornt an und konfrontiert sie mit neuen Wörtern und Themen.

„Begeistert von der Begeisterung der Grundschüler“ zeigt sich auch Harald Heuer, der, selbst ehemals Redakteur, für die Journalistenschule Ruhr im Rahmen des Projekts „zeuskids“ normalerweise Unterrichtsmaterialien für ältere Schüler entwickelt. Für die Kleinen sei das Zeitunglesen „ein Zeichen, dass sie erwachsen werden“. Und Bodo Franzmann von der Stiftung Lesen stimmt ihm zu: „Man kann gar nicht früh genug anfangen“, sagt der Leseforscher. Zeitungen seien das ideale Medium, um Kinder ans Lesen heranzuführen, weil sie – im Unterschied zu Büchern – eine feste, tägliche Lesegewohnheit etablieren; das Lesen wird zum Teil des Alltags. Daher sollte – neben dem Erzählen und Vorlesen – auch das Zeitunglesen zum selbstverständlichen Teil der Leseförderung werden.

Dies in der Schule zu erleben ist gerade für die Kinder wichtig, deren Eltern keine Zeitung abonniert haben. „Internationale Studien haben gezeigt, dass die Tatsache, ob in einem Haushalt Zeitung gelesen wird, einen signifikanten Einfluss auf das spätere Leseverhalten der Kinder hat“, sagt Bodo Franzmann und glaubt, vorhersagen zu können, dass Kinder, die in einem jungen Alter Zeitungen kennen lernen, mit höherer Wahrscheinlichkeit später zu Zeitungslesern und auch Buchlesern werden.

Diesen Effekt kann Grundschullehrerin Lieselotte Elmerling vorsichtig bestätigen. „Viele meiner Kinder berichten mir auch nach dem Ende des Projekts noch täglich, was sie gelesen haben“, erzählt sie. „Das Ritual wird weitergepflegt. Die Kinder kommen mit dem Gefühl: Ich hab’ Zeitung gelesen, ich weiß Bescheid.“

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