Werbinich : Klassenlose Gesellschaft

Bald sollen an allen Grundschulen die ersten Jahrgangsstufen gemeinsam lernen. Daran gibt es noch Kritik

Susanne Vieth-Entus,Lisa Zimmermann

Noëlle ist fünf und ein „Sonnenkind“. An ihrem ersten Schultag ist sie ein bisschen schüchtern und aufgeregt. Sie sitzt an ihrem Platz im neuen Klassenzimmer, und Lou und Anda helfen ihr dabei, mit Bleistift und Lineal gerade Linien in ihr Heft zu zeichnen. Lou ist acht, Anda sieben Jahre alt, beide Mädchen sind „Sternenkinder“. Sie gehören zur dritten Jahrgangsstufe. Die erste, zweite und dritte Klasse sind in der Neuköllner Peter-Petersen-Schule zusammengelegt, Sonnen- Mond- und Sternenkinder werden gemeinsam unterrichtet. Lou und Anda sind Noëlles Betreuerinnen, zeigen ihr, welches ihrer neuen Hefte sie auspacken soll, wo ihr Fach ist, wo sie ihre Schultasche aufhängen kann, wie sie die Buchstaben für die Wörter „Meine Einschulungsfeier“ in zwei statt drei Zeilen in das neue Heft bekommt.

„Es macht großen Spaß, sich um die Kleinen zu kümmern, ihnen zu helfen“, sagt Ruth Weber, die Leiterin der Peter-Petersen-Schule, an der die Jahrgänge schon seit zwölf Jahren gemischt sind. Dies fördere auch die Selbstreflexion der Kinder. „Wenn die neuen Erstklässler kommen, dann fällt den Älteren wieder ein, wie sie sich damals gefühlt haben, dass sie Angst hatten, und sie merken, was sie schon alles gelernt haben.“ Sie kann nicht nachvollziehen, dass viele Schulen die Jüngsten „möglichst kuschelig halten wollen“. Webers Ansicht nach ist die Jahrgangsmischung ein Ansporn, eine Ermutigung.

Was seit vielen Jahren an der Peter-Petersen-Schule und rund 20 weiteren Grundschulen in Berlin praktiziert wird, soll so oder ähnlich bald an allen Schulen Realität werden: Die Jahrgangsmischung gehört zu den Charakteristika der so genannten flexiblen Schulanfangsphase, die per Gesetz seit dem Ende der Sommerferien verbindlich ist. „Flexibilität“ bedeutet, dass Kinder je nach ihren Vorkenntnissen ein bis drei Jahre in dieser schulischen Anfangsphase bleiben können, an deren Ende sie den Stoff der ersten beiden Klassen beherrschen sollen.

Damit dies funktioniert, kommen Erst- und Zweitklässler in eine Klasse; an der Petersen-Schule sogar noch die Drittklässler. Wenn es den Erstklässlern zu langweilig wird, können sie Aufgaben der Zweitklässler rechnen und wenn es denen zu schwer wird, dürfen sie sich mit den Erstklässler-Aufgaben beschäftigen. Nach einem Jahr kann es dann passieren, dass ein Erstklässler gleich in die dritte Klasse springt, während der Zweitklässler noch ein weiteres Jahr in der flexiblen Anfangsphase bleibt, damit seine Basis beim Lesen und Schreiben stimmt. Dieses dritte Jahr wird ihm aber nicht als „Sitzenbleiberjahr“ angerechnet. Vor allem für Migrantenkinder und Spätentwickler soll diese Regelung Vorteile bringen.

Von diesen Argumenten haben sich inzwischen viele Schulen überzeugen lassen – aber nicht alle. Die Gegner argumentieren, dass eine große Unruhe im Schulleben entstehe, wenn Jahr für Jahr die Klasse halbiert oder sogar gedrittelt wird: Die größeren Kinder wechseln in die nächsthöhere Klassenstufe, während durch die neu Eingeschulten „von unten“ wieder neue Erstklässler nachwachsen. Aufgrund der unterschiedlichen Lernniveaus in den Klassen muss viel Gruppen- oder Einzelarbeit stattfinden. Auch das missfällt vielen Lehrern, weil sie eine gänzlich andere Vorstellung von gutem Unterricht haben.

Die Kritiker verhalten sich allerdings relativ ruhig. Nach Angaben der Schulverwaltung haben nur zwei Schulen offizielle Anträge auf Nichteinführung der flexiblen Anfangsphase gestellt. Allerdings ist das Unbehagen auch bei anderen Grundschulen weiter verbreitet, als es diese Angabe vermuten lässt.

Zu denen, die keinen Antrag gestellt haben, obwohl sie die Reform kategorisch ablehnen, gehört die Lichterfelder Käthe-Kollwitz-Grundschule. Schon im Januar hatten die Lehrer eine geharnischte Stellungnahme abgegeben, in der sie die neue Schulanfangsphase in Grund und Boden traten. Zumindest erreichten sie dadurch, dass auch die Eltern auf die Barrikaden gingen. Allerdings vergeblich. Ganz anders verlief die Protestlinie an der Wilmersdorfer Cäcilien-Grundschule. Hier waren die Lehrer bereit, die Reform sogar schon ein Jahr früher als verlangt umzusetzen, wogegen rund 70 Eltern vor Gericht zogen. Ebenfalls vergeblich.

Die CDU teilt die Bedenken dieser Eltern und Lehrer und hat in ihr Wahlprogramm aufgenommen, dass dieser Teil der Grundschulreform rückgängig gemacht werden muss. Die FDP schlägt vor, es den Schulen freizustellen, ob sie das Reformmodell anwenden. Auch der Berliner Grundschulverband hatte zunächst damit geliebäugelt, die schwierige Reform nicht verbindlich festzuschreiben. Allerdings habe man diese Variante nach vielen Diskussionen fallen lassen, weil sonst die Gefahr bestanden hätte, dass sich gar nichts bewege, berichtet Vorsitzender Peter Heyer. Er würde es jedoch begrüßen, wenn Bildungssenator Klaus Böger (SPD) den Schulen eine Übergangsphase einräumen würde. Dann hätten die Pädagogen noch ein oder zwei weitere Jahre, um sich besser fortzubilden.

Die Bildungsverwaltung sagte gestern auf Anfrage, dass sie die Entwicklung „genau beobachten wird“. Offensichtlich ist durchgesickert, dass es an der Basis noch erheblich rumort.

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