Werbinich : Kleine Freiheiten

Leserin Jutta Rudolph weiß, dass auch in den 30er Jahren nicht alle Schulen gleich waren

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Berlin, Königsberg, Braunschweig. Ich bin in meiner Schulzeit ganz schön herumgekommen. Mein Vater war Sanitätsoffizier beim Militär und wurde alle paar Jahre versetzt. Am Anfang war es schwierig, immer wieder neue Freunde zu finden. Denn ich war ziemlich schüchtern. Aber mit der Zeit habe ich darin Routine bekommen. Und eigentlich war es immer spannend und aufregend, wenn wir wieder in eine neue Stadt kamen. Ich lernte auch, wie unterschiedlich die Schulen damals schon waren.

Angefangen habe ich in der Volksschule in Spandau. Das Gebäude, die Möbel und auch die Methoden dort waren ziemlich modern für die 30er Jahre. Zum Beispiel saßen wir in der ersten Klasse nicht in Bänken zu zweit nebeneinander, wie es an meinen anderen Schulen der Fall war. Sondern wir hatten große, viereckige Tische, an denen wir zu viert im Karree saßen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir schlimm bestraft wurden.

Das war in der Volksschule in Königsberg anders. Da hatten wir nur beim Rektor Unterricht, ein sehr autoritärer Mann mit Zwicker auf der Nase. Er warf mit dem Schlüsselbund nach uns Mädchen, wenn wir etwas nicht wussten. Dort gingen alle auch selbstverständlich zum „Bund deutscher Mädchen“, dem nationalsozialistischen Mädchenverband.

Besonders nationalsozialistisch ging es aber im Lyzeum in Braunschweig zu. In Braunschweig hatten die Nazis schon vor 1933 viele Anhänger, im nahe gelegenen Salzgitter lagen die Hermann-Göring-Werke. Im Schulhof befand sich eine Eiche, die wir „Nazi-Eiche“ nannten. Darunter stand der Direktor. Wir mussten mit ausgestrecktem Arm und Hitler-Gruß an ihm vorbeimarschieren.

Der Religionslehrer versuchte, uns für die Deutschen Christen anzuwerben. Das war eine streng nach dem Führerprinzip organisierte Bewegung, die sich als „SA Jesu Christi“ bezeichnete und das Parteiprogramm der NSDAP propagierte. Die Deutschen Christen forderten „Rassenreinheit“ als Bedingung für eine Kirchenmitgliedschaft und die Loslösung der evangelischen Kirche von den jüdischen Wurzeln.

Auf dem Fürstin-Bismarck-Gymnasium in Berlin, an dem ich 1943 Abitur gemacht habe, ging es Gott sei Dank lockerer zu. Wir mussten nicht mit dem Hitler-Gruß grüßen, diese Schule war bekannt dafür, dass sie nicht alles mitmachte.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Jutta Rudolph ist 80 Jahre alt. Sie hat viele Jahre als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet.

Liebe Leser, an dieser Stelle würden wir auch gerne Ihre Schulgeschichte aufschreiben. Erzählen Sie sie uns: schule@tagesspiegel.de oder schreiben Sie uns an die Adresse: Der Tagesspiegel, Redaktion Schule, 10876 Berlin.

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