Kolumne: Was machen wir JETZT? : Abtauchen im Kältebecken

Wann kommst du ins Schwitzen? Das fragte letzte Woche Björn Stephan. Unsere Kolumnistin antwortet ihm heute.

Constanze Bilogan

Die Poren öffnen sich, ein Schaudern läuft durch meinen Körper. Mir ist heiß, alles kribbelt, ich schwitze. Panisch betrachte ich meine tauben Fingerknöchel, die sich an der Eisenstange festkrallen. Es ist minus neun Grad, ich sitze im Skilift und an meinem Fuß baumelt ein Snowboard. Brüllend wie ein Kleinkind starre ich in die Tiefe, während sich der Bengel vor mir umdreht und lachend mit dem Finger auf mich zeigt.

Schweiß. In meinem Leben tritt er meist in Verbindung mit Angst auf. Ski, Snowboard, Mountainbike – egal, welche Sportart neu erlernt wird, schwitzend und schreiend sehe ich den Gefahren ins Auge. Hinterher war natürlich alles nur halb so wild, aber daraus lerne ich nie. Bloß das durchnässte Funktionsunterhemd von der letzten Abfahrt erinnert mich noch an die oscarreife Show, die ich im Skilift hingelegt habe.

Ansonsten bin ich selbstverständlich die Ruhe selbst. Ich möchte die Transpiration auch ungern herausfordern, denn sie hinterlässt weiße Ränder auf meinen Kleidern. Dann lieber an Schweiß denken: ein verschwitzter Bauarbeiter, jung, im Unterhemd, da kann die Baustelle schon mal zum Kopfkino werden. Schweißperlen laufen den Bizeps hinab, bevor er eine Getränkedose öffnet ... Aber die Realität ist gnadenlos und leider auch das, was mir in deutschen Baggern begegnet.

Am schlimmsten ist doch, in den unpassendsten Situationen zu schwitzen: romantisches Date, extrem süßer Typ, schickes Restaurant. Zur Vorspeise gibt es Rucola – und ich möchte im Erdboden versinken. Wie soll man sich die Stängel bitte in den Mund schieben ohne Grünzeug in der Nase oder einen Ölteppich auf der Bluse? Gib mir Rucola mit Balsamico und ich gehe alleine nach Hause. Vielleicht auch besser so, wer weiß, ob mein Date beim Sex stark geschwitzt hätte. Da wären die schöne Frisur und das teure Make-up eh umsonst gewesen.

Dabei soll es Menschen geben, die gerne schwitzen. Dafür bezahlen sie Geld, machen sich nackt und teilen ihren Schweiß mit anderen. Eine Sauna habe ich nur einmal kurz von innen gesehen. Während ich hyperventilierend bei 75 Grad in der bengalischen Schwitzhütte vor dem tibetanischen Salzkristall hockte, fiel mir auf, dass ich den Bademantel noch anhatte. Fluchtartig verließ ich die Sauna, um zischend im Kältebecken abzutauchen. Ich sehe aber auch nicht ein, warum ich Eintritt bezahlen soll, damit Rentner mich nackt beim Schwitzen sehen.

Björn: Bist du dem Fitnesswahn verfallen?

Nächste Woche antwortet an dieser Stelle Björn Stephan.

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