Kolumne: Was machen wir JETZT? : Die Langsamkeit ertragen

Bist du ungeduldig? Das fragte Constanze Bilogan letzte Woche. Unser Kolumnist antwortet ihr heute.

Björn Stephan

Ich saß in einem schrottreifen Nissan-Kleinbus auf dem Busbahnhof „37“, eingeklemmt zwischen den riesigen Hintern zweier Big Mamas, als ich die Langsamkeit entdeckte. Der Kleinbus rührte sich seit zwei Stunden nicht vom Fleck, er stand einfach so da, genauso wie die Luft darin, gefühlte 50 Grad und keine Klimaanlage. Ich spürte den Schweiß langsam meinen Rücken entlangperlen.

Der „37“ ist der größte Busbahnhof der ghanaischen Hauptstadt Accra, ein undurchsichtiges Gewimmel, es gibt keine festen Buslinien, keine Abfahrtszeiten – und nur eine einzige Regel: Jeder Bus fährt erst dann los, wenn er voll ist. Und voll heißt brechend voll, auch der allerletzte Sitzplatz muss belegt sein. Manchmal kann das eine halbe Ewigkeit dauern. Ich war kurz davor, wieder auszusteigen, als der Fahrer endlich den Motor startete und wir loszockelten. 20 Leute in einem Nissan, der nur für 13 Personen ausgelegt war – und hinten im Kofferraum meckerten zwei Ziegen. Aber es war nicht so, dass sich irgendjemand daran gestört hätte, die Langmut meiner Mitfahrer schien unerschütterlich.

Ghana war für mich wie eine sechsmonatige Geduldsprobe. Als ich nach Berlin zurückkehrte, dachte ich, ich wäre gelassener geworden. Aber vergiss es! Keine Chance! Es dauerte nur ein paar Tage, dann erwischte ich mich dabei, wie ich wieder über die S-Bahn fluchte, weil sie drei Minuten zu spät war. Ich hasse diesen rasenden Stillstand eben, und rasend meint, dass er mich zum Rasen bringt. Die drei schlimmsten Wartesituationen: 1. mit dem Auto im Stau, 2. an der Schlange im Supermarkt, 3. in der Telefonwarteschleife. Ich kann dann echt wütend werden, hämmere aufs Lenkrad oder brülle die Frau im Callcenter an – und hinterher schäme ich mich dafür.

Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass jeder Mensch 374 Tage seines Lebens mit Warten verbringt. Ein kostbares Jahr Lebenszeit vergeudet mit Nichtstun. Obwohl: Eigentlich gibt es ja zwei unterschiedliche Arten des Wartens, eine positive und eine negative. Wenn wir auf den Sommer warten, den Feierabend oder die Liebe, dann hoffen wir. Warten als Sehnsucht. Und dann gibt es noch das Warten im Sinne von Erdulden. Wenn wir die Sekunden zählen, bis etwas endlich vorbei ist. Viele meiner Freunde hassen es zum Beispiel, wenn sie verabredet sind und der andere ist unpünktlich. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Weil: Meistens warten sie auf mich.

Constanze, zockst du gerne?

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle Constanze Bilogan.

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