Kolumne: Was machen wir JETZT? : Einfach mal die Klappe halten

Bist du ein Lästermaul? Das fragte Constanze Bilogan letzte Woche. Unser Kolumnist antwortet ihr heute.

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Warum reden wir eigentlich so viel? Wäre das Leben ein Comic, über unseren Köpfen würden unendlich viele Sprechblasen aufpoppen. Sie würden da schweben, bis der ganze Himmel zugepoppt wäre. Wir zwitschern, chatten, mailen, plaudern, labern. Ununterbrochen, ständig, überall. Und meistens geht es um andere. Zwei Drittel aller Gespräche zwischen Erwachsenen drehen sich um Menschen, die nicht anwesend sind, sagen Psychologen. Das war schon immer so, in allen Epochen und Kulturen, sagen Evolutionsforscher. Wir lästern, weil Lästern verbindet. Affen lausen sich gegenseitig das Fell; wir tratschen und klatschen.

Ein altes Klischee besagt, nur Frauen würden lästern. Sie sind entweder Lästerschwestern oder Klatschtanten. Je nach Alter. Dabei sind Männer mindestens genauso schlimme Schwätzer, ich selbst nehme mich da gar nicht aus. Ich tratsche über jeden, Freunde, Geschwister, Eltern, Arbeitskollegen, Freunde von Freunden, Leute, die ich gar nicht kenne. Damit ist jedoch nicht spotten gemeint. Ich bin nicht niederträchtig oder bösartig, gieße keine üble Häme aus, aber ich erzähle und höre gerne Geschichten. Wer mit wem? Was? Wo, wie und wann?

Andererseits kann es richtig gut sein, einfach mal die Klappe zu halten. Der coolste Schweiger von allen ist Ryan Gosling in „Drive“. Im ganzen Film spricht er genauso viele Sätze wie er Menschen umbringt: sechs. Tagsüber riskiert er als Stuntman sein Leben, nachts rast er als Fluchtfahrer mit seinem Chevrolet Chevelle durch die menschenleeren Straßen von Los Angeles. Den Zahnstocher lässig im Mundwinkel, die Skorpionstickerei auf der goldschimmernden Satinjacke von Blutspritzern übersät. Gosling redet nicht, er fragt nicht, er schaut. Und er schaut ziemlich gut. In einem Augenzwinkern, einem kühlen Lächeln, einem eiskalten Blick steckt so viel – so viele Worte können einem gar nicht aus dem Mund heraussprudeln. Weniger ist mehr.

Leider ist das Kino nicht das wahre Leben, das merke ich spätestens dann, wenn das Licht im Kinosaal angeht und die Realität gleißend hell blendet. Im Alltag wären wortkarge Einzelgänger wie Gosling in „Drive“ verloren. Schweiger gelten oft als grenzdebile Idioten, die ihren Mund nicht aufkriegen. Aus Stille kann schnell peinliches Schweigen werden, wenn im Hintergrund keine Musik dudelt. Für eine Laberbacke wie mich ist das unerträglich. Mehr ist eben doch mehr. Und deshalb lästere ich einfach weiter.

Constanze, wie gefällt dir das Uni-Leben?
In zwei Wochen antwortet an dieser Stelle Constanze Bilogan

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