Kolumne: Was machen wir JETZT? : Nach Provinz riechen

Bist du ein Landei? Das fragte Constanze Bilogan vergangene Woche. Unser Kolumnist antwortet ihr heute.

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Nichts zu machen. Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.
Nichts zu machen. Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.Foto: privat

Die meisten Leute kommen vom Dorf, aber immer wird nur über die Stadt gesungen, über New York, Berlin oder Paris. Fast immer. Thees Uhlmann ist Sänger und wurde in Hemmoor geboren, das liegt in Niedersachsen, am Arsch der Welt. Auf seinem aktuellen Album singt er darüber, wie es ist, in der Provinz groß zu werden: „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.“ Oder anders gesagt: Du kannst aus einem Dorftölpel keinen urbanen Szene-Hipster machen.

Bis ich das kapiert habe, hat es eine Weile gedauert. Wer vom Dorf in die große Stadt gezogen ist, der kennt das. Man fährt nach Hause, trifft Kumpels von früher und denkt: armselige Kleinstadthelden. Hängengeblieben. Schaut mich an, ich habe die große weite Welt gesehen! Sie kennen nur Döner, aber keinen Schawarma. Sie sagen: „Jo Keule, weißt, wie ich mein?!“ Und man schämt sich, weil man 18 Jahre lang selber so geredet hat.

Dabei ist nichts provinzieller, als Leute aus der Provinz zu belächeln. Der Großstadtdünkel offenbart das eigene kleinkarierte Denken. Am schlimmsten sind die, die gerade nach Berlin gezogen sind. Sie wollen ihren Kuhstallgeruch loswerden und zeigen, dass sie dazugehören. Sie verleugnen ihre eigene Herkunft. Aber was ist so schlimm, wenn man nach Kuhstall stinkt? Wir vom Dorf sind doch alle mal mit dem Moped über die Felder gerast, haben auf Metal-Konzerten unsere schulterlangen Haare durch die Luft geworfen oder sind nach der Dorfdisko mit dem tiefergelegten Golf bei McDonald’s vorgefahren. „Drei Cheeseburger bitte!“ Wahre Punks gibt es eben nur in der Provinz.

Nur auf dem Dorf kann man richtig aufbegehren, in der Großstadt interessiert das keine Sau. Als wir hustend am ersten Joint zogen, hatten die Großstadtkinder schon die ganze Drogenpalette durchgeschnieft. Manchmal ist es richtig cool, ein Landei zu sein. Unsere Identität können wir zwar unterdrücken, aber nicht auslöschen. Als ich neu in Berlin war, habe ich die Anonymität genossen; mittlerweile freue ich mich, wenn ich Kumpels im Supermarkt zufällig an der Kasse treffe. Ich freue mich, wenn ich alle paar Monate nach Norden fahre und meine Augen über das große Grün und das große Blau schweifen können. Leben möchte ich dort trotzdem nicht mehr. Zu langweilig. In der Stadt ist es am schönsten. Auch weil dort so viele leben, die ihre Heimat verlassen haben. Die Großstadt ist einfach das coolere Dorf.

Constanze, wo machst du gern Ferien?
Nächste Woche antwortet an dieser Stelle Constanze Bilogan.

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