Kolumne: Was machen wir JETZT? : Neustart mit Schweißringen

Anfangen ist schwer. Diese Feststellung macht unser Autor. Deshalb überlistet er sich gern selbst.

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Den schönsten ersten Satz hat Günter Grass geschrieben, zumindest sagt das die Stiftung Lesen. Die hat ihn ausgewählt, aus 17 000 Einsendungen. Der Satz stammt aus „Der Butt“ und geht so: „Ilsebill salzte nach.“ Kurz und gut. Aller Anfang ist schwer, heißt es; aber nicht, wenn man solche Sätze schreiben kann. Ich habe kein Problem damit anzufangen. Zumindest solange es ums Arbeiten geht, also anfangen im Sinne von Arschhochkriegen. Ich koche vier Tassen Kaffee, löse eine Magnesiumtablette in Wasser auf und los geht’s – wie bei dieser Kolumne. Kein Auf-die-lange-Bank-Schieben, kein Prokrastinieren. Einfach machen.

Was mir allerdings schwerfällt, ist irgendwo neu anzufangen, da, wo man die Leute nicht kennt. Ich beobachte erst einmal lieber, bevor ich mich ins Getümmel stürze. Wer neu anfängt, kann das nicht. Anfangen in diesem Sinne heißt, dass man sich beweisen muss, und das ist ätzend wie ein Wadenkrampf: Wenn man sich darauf konzentriert, wird er nur noch schlimmer.Ich hasse dieses Anfangen, die Nervosität, die schwitzigen Hände, das flaue Gefühl im Magen. Egal, wo ich neu war – an der Uni, bei einem Praktikum –, ich war immer aufgeregt. Einmal habe ich mich um ein Stipendium beworben, das Auswahlgespräch lief ganz gut. Hätte ich doch nur ein T-Shirt unter dem braunen Hemd getragen! Jedem Anfang wohnt ein Schweißring inne. Oder zwei. Früher dachte ich, das wird mal besser. Aber es hat sich noch nicht gelegt. Letztens musste ich einen Vortrag halten an der Uni, ich kann das ganz gut, aber dieser kurze Augenblick zu Beginn, wo alles ruhig ist und alle auf einen schauen… fürchterlich!

Es gibt ja Leute, die probieren immer neue Dinge aus: Segeln, Pilotenschein, Fallschirmsprung. Hätte ich auch Bock drauf. Aber damit anzufangen kostet mich Überwindung. Mein Kumpel meint, ich sei ein Schisser, doch ich mag eben lieber Kontinuität. Jeden Morgen Schokomüsli, Kaffee mit Milch und zuerst den Sportteil der Zeitung. Was ist schlimm daran? Andrerseits: Sterbenslangweilig will ich auch nicht sein. Deshalb überliste ich mich selbst. Ich erzähle allen davon, was ich machen will, damit ich es auch machen muss. In den vergangenen Wochen habe ich verkündet, dass ich boxen will. So richtig mit Handschuhen, Sandsack und sich anschreien lassen von Männern in Jogginghosen bis zum Bauchnabel. Wenn ich mich durchgerungen habe, etwas anzufangen, dann ziehe ich es durch.

Constanze, wann gerätst du ins Schwitzen?

Nächste Woche antwortet an dieser Stelle Constanze Bilogan

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