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Kolumne: Was machen wir JETZT? : Schwerelos tanzen

19.09.2012 00:00 UhrVon Björn Stephan
Völlig losgelöst. Dem Rasch des Moments kann sich unser Kolumnist nur selten hingeben.Bild vergrößern
Völlig losgelöst. Dem Rasch des Moments kann sich unser Kolumnist nur selten hingeben. - Foto: privat

Bist du ein Feierbiest? Das fragte Constanze Bilogan letzte Woche. Unser Kolumnist antwortet ihr heute.

Die Sängerin, die sowohl Frau als auch Mann war, spielte auf einer Nebenbühne des Festivals. Äste umrahmten das hölzerne Bühnendach, die Blätter glänzten in allen Farben. Ein Hexenhaus mit Discokugel. Die Sängerin trug einen silbernen Glitzerfummel, ihre Perücke zackte wie eine Phalanx aus Speerspitzen in den Nachthimmel, dann begann sie zu tanzen wie ein Derwisch. Ihr Gesicht so verzerrt, als hätte es jemand aus Knete geformt, weit aufgerissene Kulleraugen, wulstige , feucht glänzende Lippen. Bis in die letzte Ecke nahm sie das Hexenhaus ein, sie füllte es regelrecht aus. Die Bühne war viel zu klein für sie. Aber das wäre sie selbst dann, wenn die ganze Welt ihre Bühne gewesen wäre.

„I’m not in the wrong body“, sang sie, wiederholte die Worte, als wären sie ein Mantra; zerdehnte sie wie Kaugummi und spuckte sie dann plötzlich wieder aus wie ein lavaspeiender Vulkan. Dazu wummerten Electro–Beats, die Ekstase schwappte auf die Menge über, sie raste, ein wogendes Menschenmeer; die meisten schlossen die Augen, wurden schwerelos – und hoben ab. Und ich? Ich stand mittendrin, aber irgendwie auch außerhalb, als gehörte ich nicht dazu. Manchmal ist es, als wäre eine Sicherung in meinem Gehirn, die verhindert, dass der Kopf sich abschaltet. Ich tanzte zwar, doch irgendwie fühlte ich mich beobachtet, das Licht zu hell, der Typ vor mir zu nah. Während die anderen flogen, blieb ich am Boden kleben. Woran liegt das?

Ich fragte meine Freundin Miss Msuri, ein echtes Feierbiest, das sich dem Rausch hingibt, ohne sich etwas reinzupfeifen: „Wie machst du das?“ „Ich mache gar nichts“, sagte sie. „Das passiert einfach so, in diesem einen Augenblick.“ Vielleicht ist der Unterschied, dass Miss Msuri, den Gedanken an das Morgen ausblenden kann. Und ich nicht. Wenn ich feiern gehe, freue ich mich schon auf den Tag danach, ausschlafen, rumgammeln, abends Freunde treffen und Unsinn erzählen. So wie immer. Miss Msuri jedoch will aus dem Alltag ausbrechen. Und sie hat recht. Solange Feiern nicht zum Alltag wird, gibt es kaum etwas Besseres als hin und wieder, dieses gute Gefühl zu jagen. So wie auf dem Festival.

Die Sängerin, die sowohl Frau als auch Mann war, schraubte ihre Stimme empor wie eine Opernsängerin bei einer Arie, dann grollte sie wie ein heraufziehendes Gewitter. Sie sang nur ein Wort: „Endorphin.“ Ich schloss die Augen – und ließ mich treiben. Einen winzigen Augenblick lang.

Constanze, ernährst du dich gesund?

In drei Wochen schreibt an dieser Stelle Constanze Bilogan.

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