Kolumne: Was machen wir JETZT? : Wallehaar tragen

Magst du Musikfestivals? Das fragte Björn Stephan letztes Mal. Unsere Kolumnistin antwortet ihm heute.

Constanze Bilogan
Hauptsache die Frisur sitzt. Und der Hut. Foto: privat
Hauptsache die Frisur sitzt. Und der Hut.Foto: privat

Aufs Festival fahren, das ist wie die Flucht in ein Paralleluniversum. Eine aus dem schlammigen Boden gestampfte Glitzerwelt für totale Eskalation mit Ablaufdatum. Drei Tage dauert der Spuk in den gewaltigen Zeltstädten – zwischen kolossalen Bühnen, Bierflatrate in der eigenen Campingbehausung und nackten Hintern mit der Aufschrift „Anfassen: 1Euro“.

Drei Tage vergessen, dass man die Bachelor-Arbeit vor drei Monaten abgegeben haben sollte. Einfach froh sein darüber, dass der Chef einen jetzt nicht mit der aufblasbaren Gummipuppe unterm Arm und verkohlter Bratwurst auf der Gabel inmitten von Müll sitzen sieht. Sonntag geht’s wieder heim und nach drei Stunden Duschen sind Staub und Ekstase weggewaschen. Bis zum nächsten Jahr.

So soll es sein auf Festivals: Aussehen egal, Haare egal, Outfit egal. Immerhin bin ich ja nicht alleine, denn 60 000 Menschen schätzen wie ich die Anonymität unter gleichgesinnten, eher marginal gepflegten Musikliebhabern bei Dosenravioli und lappigem Toastbrot. Nachts kehrt jeder zurück in sein Zelt, in dem der betrunkene Kumpel schnarcht. Es geht eben um Musik.

Dass dies nicht überall so ist, musste ich vor kurzem auf dem Coachella Festival in Kalifornien feststellen. Aus Magazinen kannte ich die surrealen Fotos von sonnengebräunten, top gestylten Mädels mit glänzendem Wallehaar und Häkelumhang über den knochigen Schultern. Lässig halten sie einen Caipi ins Bild, während im Hintergrund die Red Hot Chili Peppers ihre schweißnassen Mähnen schwingen. Finde den Fehler.

38 Grad in der Wüste, heißer Sand unter den Füßen – und dabei makellos aussehen. Festival mal anders. Die Amerikanerinnen im Nachbarzelt lassen die Autobatterie heißlaufen, an den Zigarettenanzünder angeschlossen sind Lockenstab und Glätteisen. Während ich mir morgens Raviolireste und Alkohol von den Zähnen schrubbe und ein T-Shirt überwerfe, wird nebenan der „Festivallook“ sorgfältig geplant. Denn bei diesem Konzertmarathon geht es hauptsächlich um das Schaulaufen in Jeansshorts und Fransentops, mit Blumenkranz und duftendem Haar.

Meine Nachbarinnen haben ihr Zelt nur für das „Festivalfeeling“ tagsüber; nachts schlafen sie im Hotel. Eine Woche vorher stand noch eine Diät auf dem Vorbereitungsplan. Ernsthaft! Nach dem 947. Blumenkranz kann ich darüber nur noch schmunzeln. Dieses Festival ist vor allem eins: die perfekte Modenschau mit netter Hintergrundbeschallung.

Bist du ein Blender, Björn?
Björn Stephan antwortet nächstes Mal.

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