Werbinich : Komm unter meine Gruscheldecke

Pimp my identity! Auf StudiVZ & Co. zeigen wir peinliche Karaoke-Abende, schräge Urlaubsfotos, und reden müssen wir auch nicht mehr. Ist das jetzt schlimm?

Elena Senft
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Bett'n'Bildschirm. Wer bei StudiVZ eine Gruppe mit dem Wörtchen "Schlafen" sucht, findet diese: "Ich bin so übel im Bett – ich...Foto: Superbild

Die unbeliebte Klassenkameradin kam mir direkt auf der Schönhauser Allee entgegen. Ich hatte mich schon öfter mal gefragt, was die heute wohl so macht. Und jetzt weiß ich es! Aber ich habe sie nicht gefragt, sondern bin links abgebogen, und dann habe ich mir zu Hause ihr Profil bei StudiVZ angeguckt und weiß jetzt, dass ihr Urlaub in Kroatien ganz schön gewesen sein muss, dass sie auf Lehramt studiert, dass sie im StudiVZ nach „netten Leuten“ sucht (aha!) und ohne Wärmflasche abends nicht einschlafen kann (so, so!). Moment Mal, und sie hat 122 Freunde!

Ich sitze grübelnd vorm Rechner, staune, denke mir dann aber: Wenn die unbeliebte ehemalige Klassenkameradin wirklich 122 Freunde hätte, hätte sie dann wirklich ein StudiVZ-Profil? Ja, wahrscheinlich schon. Die haben vier Millionen registrierte Mitglieder. Die können nicht alle sozial vereinsamt sein.

Mein Profil zeigt mittlerweile nur schlappe elf Freunde an und das sind immerhin mehr, als ich im wirklichen Leben habe. Denn diese Freunde sind zum Teil nur virtuelle Freunde, denn in Wirklichkeit habe ich sie seit Jahren nicht gesehen. StudiVZ, ebenso wie Myspace oder Facebook oder Xing, sind natürlich praktische Mittel, um auf einfache Weise Leute mit den gleichen Interessen kennenzulernen. Von Leuten allerdings, die man nicht schon von irgendwoher kennt, will doch sowieso keiner angeschrieben werden, oder?

In einer Nacht habe ich mich zwei Stunden durch Profile und Fotoalben alter Bekannter geklickt und habe Lina gefunden, eine Regensburger Studentin, mit der ich während der Uni-Zeit unglaublich lustige Monate in Spanien hatte. Ich habe oft an sie gedacht und immer mit jenem romantischen „Was die wohl heute macht?!“ im Kopf.

Ich habe sie angeschrieben und sie schrieb natürlich zurück. Und das ist meist der Moment, an dem die Romantik des Finden und Gefundenwerdens ihr jähes Ende findet. Man hat sich entdeckt und kurz geklärt, wie es einem so geht – und dann geht der Gesprächsstoff auch schon irgendwie aus. Ich werde in nächster Zeit wohl nie nach Regensburg kommen. Und um jetzt wieder regelmäßig zu telefonieren, reicht die schöne Erinnerung wohl auch nicht aus. Wir werden StudiVZ-Freunde, die hässliche kleine Schwester eines wirklichen Kontakts, ein Eintrag in der Freundesliste, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, sich niemals wieder gemeldet zu haben.

Eine gute Erinnerung aneinander, die vielleicht schöner geblieben wäre, wenn man jetzt nicht ständig gegenseitig Einladungen zum „gruscheln“ bekommen würde und sich genötigt fühlen würde, zurückzugruscheln, ohne zu wissen, was das eigentlich ist (okay, das weiß man schon, es soll angeblich für „grüßen und kuscheln“ stehen, was es aber nicht zwingend sympathischer macht).

Gäbe es all diese Plattformen nicht, hätte ich glatt ein reales Gespräch mit der unbeliebten Klassenkameradin beginnen müssen. Also, wir können uns nun kurze Nachrichten mailen, anstatt zu telefonieren oder uns gar zu treffen. Und wir nennen Leute Freunde, die überhaupt nicht unsere Freunde sind.

Und noch etwas verändert sich: Wir können uns im Internet aufpimpen: Wir tragen uns in hyper-kessen Nerd-Gruppen ein, ohne je einen Beitrag zu lesen oder zu schreiben. Und auf Myspace finden sich haufenweise Photoshop-retuschierte Zeugnisse von Narzissten. Ein Bekannter von mir veröffentlicht sein Tagebuch auf seiner Seite, und ich entdecke unter seinen Freundinnen ein Mädchen, das sich auf ihrer Pinnwand einen öffentlichen Streit mit einer offensichtlich eifersüchtigen Bekannten liefert. Ich lese ihn mit voyeuristischer Begeisterung – ebenso wie wahrscheinlich ihre anderen 202 Freunde oder im schlimmsten Fall die gesamten weltweit 180 Millionen Myspace-Mitglieder.

Aber es ist mehr als bloße Selbstdarstellung, seinen privaten Karaokeabend auf Youtube zur Schau zu stellen oder seine gesamten Urlaubsfotos zu veröffentlichen. Man hält auch den Rest der Welt auf dem Laufenden. Darüber, dass es einen noch gibt und im Prinzip alles in Ordnung ist. Und das ganz ohne die lästige Verpflichtung, anzurufen oder sich bei jemand Speziellen melden zu müssen. Es ist eine Gesamtansage an alle, die man kennt. Besser mal eine Nachricht bei StudiVZ zu hinterlassen als gar keinen Kontakt zu pflegen. Ist doch so.

Im StudiVZ gibt es übrigens eine Gruppe namens „Nur weil wir Studi-VZ-Freunde sind, heißt das nicht, dass ich dich auch im wahren Leben mag.“

Sie hat 40 265 Mitglieder.

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