Werbinich : Kopfüber in die Nacht

Knutschen am Ufer, Transen am Tresen und Hotdog satt: Wenn der Sommer kommt, ist die halbe Stadt bis zum Sonnenaufgang auf den Beinen. Unsere Autoren erzählen, was man so in den warmen Nächten erleben kann.

Nachtakrobaten
Wir sind auf dem Sprung. Tagsüber hocken wir neidisch in der Stabi oder im Büro - und freuen uns heimlich auf die Nacht.Foto: ddp

Die Nächte sind lang, schmutzig und skurril.Und seit ein paar Tagen sind sie vor allem eines: verdammt heiß. Wenn es dunkel wird und die Sonne nicht mehr auf die Haut brennt, dann ist die halbe Stadt unterwegs – wie unsere Autoren auch. Gute-Nacht-Geschichten aus Berlin.

23.41 UHR, TREPTOW, SCHWIMMKURS

Blöd in den Clubs schwitzen? Nachts baden gehen und dazu einen Drink nehmen, ist besser. Auf dem Badeschiff ist das sehr angenehm. Ohne dunkles Seewasser, weite Wege aus der Stadt oder irgendwelches Getier. Eine interessante Mischung sammelt sich an Deck: eher schick, szenig, aber manchmal auch etwas Ballermann. Nachts ist das sehr lustig, wenn sich ein Paar um zwei Uhr darüber streitet, dass sie nicht schwimmen kann und er scheinbar davon jahrelang nichts wusste und ihr dann sagt: „Warum hast du heute nichts vorher gesagt, dann hätten wir gleich tanzen gehen können?“ – Sie: „Ich habe mich nicht getraut“. Vielleicht bringt er es ihr ja in dieser Nacht bei?

0.44 UHR, P’BERG, HOTDOG SATT

Eine fahle, blassrosafarbene Wurst. Wahllos herausgezogen aus der Masse der anderen blassrosafarbenen Würstchen und in ein pappiges Brötchen gesteckt. Mit Remoulade, Röstzwiebeln, Gurkenscheiben. Die Leute, die nachts hier sind, haben den Moment bereits überschritten, dass sie Lust auf Tandoori-Lachs-Quatsch hätten, den sie tagsüber auf der Kastanienallee essen. Hotdog-World hat sich etabliert. Vor allem nachts. Es ist voll. Man sitzt draußen, isst sein Hotdog und es ist still. Das liegt daran, dass keiner zum Spaß hier ist, sondern alle an dem Punkt waren, an dem man entweder nach Hause gehen oder schnell 10000 Kalorien essen muss. Viele hier fühlen sich wie eins der Würstchen: Blassrosa und wahllos herausgezogen aus der Mitte der anderen Würstchen, die hier sitzen. Ein ekliges Essen irgendwie. Aber auch ein ehrliches. Niemand erwartet mehr von einem Hotdog. Niemand wird enttäuscht. Lecker war’s.

0.52 UHR, C’BURG, POSTKARTENIDYLL

Wie Libellen schwirren die Leute aus allen Himmelsrichtungen heran. Sie haben Wein dabei oder Bier, manch einer hat eine Gitarre im Arm, andere ein Mädchen und fast alle eine Decke. In den Wintermonaten hockt am Lietzensee, in dem sich so kitschig der erleuchtete Funkturm spiegelt, logischerweise niemand, jetzt aber ist die Wiese voll, jede Nacht. Mal sind Lieder von den „Ärzten“ zu hören oder von den „Beatles“, manchmal wird getrommelt. Und fast jede Nacht wird am See geknutscht. Dann sieht’s am Ufer aus wie in einem Pfadfinderferienlager mitten in der Großstadt, wie jeden Sommer.

01.41, MITTE, REVIERKÄMPFE

Früher standen hier immer die Punks. Es war laut, wenn die Polizei nicht da war, schallte Musik aus kleinen Boxen und der Brunnen vor dem Roten Rathaus war mit Bierbüchsen übersät. Heute ist es viel ruhiger. Nur ab und zu kreischen ein paar Mädchen. Weit nach Mitternacht stehen sie immer noch hier und quatschen. Nur die Polizeiwanne ist ein Relikt aus den Punkertagen. Die passt immer auf. Die Punks wurden von Emos abgelöst. Sie sind bunt gekleidet, manchmal grell geschminkt, trotzdem immer etwas zu blass. Während die Punks gesoffen haben, kuscheln hier die Emos und man bekommt im Vorbeigehen Mitleid: Eine pöbelnde Gruppe, schwarz gekleidet, aus der Gothic-Szene ruft die ganze Zeit: „Scheiß Emos!“ Ein Mädchen der anderen Seite löst sich aus der Umarmung und ruft: „Scheiß Gothics!“ Das Rufen beider steigert sich, bis die Schwarzgekleideten sich auf die Emos zu bewegen und irgendetwas von „Aufs Maul“ brüllen. Die Tür der Wanne öffnet sich, zwei Polizisten treten heraus und schon sind alle wieder leise. Die Emos kuscheln und haben den Revierkampf für heute Nacht vorerst gewonnen.

02.38 UHR, P’BERG, DEM HIMMEL SO NAH

Woanders müsste man für die Aussicht bezahlen. In der Danziger Straße muss man nur das Haus mit der kaputten Dachluke finden und über die Holzleiter klettern. Von oben ist der Verkehr kaum zu hören. Wir sitzen drei Meter vom Rand und lehnen an einen Schornstein. Das „Park-Inn“ am Alex leuchtet. Und rechts der Hauptbahnhof. Schön, dass es noch kaputte Dachluken gibt in Prenzlauer Berg. Hier oben ist man nie alleine, auch nicht um zwei, der Ort hat sich herumgesprochen. Weiter rechts liegen Leute auf ihrer Picknickdecke, ein Mädchen hat ihre Gitarre mitgebracht. Sie spielt Nelly Furtado und das ziemlich falsch, aber wir finden es schön. Weil wir so entspannt sind. Und wir nehmen uns vor, niemals wieder in laute, überfüllte Clubs zu gehen. Oder frühestens morgen wieder.

02.55 UHR, KREUZBERG, IM ROSES

Es gibt keinen Ort, an dem gesellschaftliches Miteinander so gut funktioniert wie im Roses in der Oranienstraße. Um zwei Uhr geht erst los, was in anderen Läden schon aufhört. Und man muss nie Angst haben, dass die „letzte Runde“ kommt. Wenn man hier aufschlägt, muss man bereits betrunken sein. Drei Transen streiten über Strumpfhosen, ein Familienvater erzählt der Bardame, dass er wahrscheinlich schwul ist und eine Gruppe türkischer Jungs feiert die Haftentlassung eines Mitglieds. Eine Transe krakeelt: „Ich gehe erst nach Hause, wenn ich einmal Milva gehört habe!“. Ein Jugendlicher pöbelt: „Halt’s Maul!“. Die Bardame brüllt „Noch ein Kraftausdruck und du fliegst raus!“. Der Jugendliche sagt: „Tut mir leid!“ Dann prosten alle. Im Sommer ist es unerträglich warm hier drin. Aber unterhaltsamer als jeder Biergarten. Dann singt die Transe „Hurra, wir leben noch!“

03.30 UHR, KREUZBERG, WANDERTAG

Er weiß nicht, was er nehmen soll. Halloumi oder Lahmacun oder Pizza. Er nimmt Lammdöner für 2,50 Euro bei „Bistro Bagdad“ am U-Bahnhof Schlesisches Tor. Und einen Ayran zum Fitwerden, es soll ja gleich weitergehen. Am Fress-Dreieck treffen sich alle, die im Wrangelkiez durch die Nacht streifen. Hier ist das Epizentrum des neuen Partylebens, sagen manche. Auf jeden Fall gibt es leckeren Lammdöner. Der Mann nebenan spricht einen Fremden an, ob er weiß, wo hier die Rockparty ist. Klar: im Lido, die Straße runter. Und dann diskutiert der Fremde mit seiner Freundin, wo sie selbst noch hingehen: auf ein Bier ins „Barbie Deinhoff’s“ oder schauen, wie lange die Schlange vorm „Watergate“ ist. Vielleicht sind die beiden in vier Stunden wieder hier. „Bistro Bagdad“ wartet auf sie. Mit Frühstück in der Sonne.

Durch die Nacht zogen Ric Graf, Sebastian Leber, André Görke und Elena Senft.

Welche tollen Orte in Berlin haben wir vergessen? Verratet uns eure besten Sommernachtspot in Berlin auf:

www.tagesspiegel.de/werbinich

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben