Werbinich : Korrigieren im Akkord

Lehrer von Klausurfächern gehen vor Gericht. Sie wollen weniger Pflichtstunden geben als ihre Kollegen. Denn die rot-rote Koalition scheitert mit dem Vorhaben, gerechtere Arbeitszeitmodelle zu schaffen

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Reinhold Tyrach hat keine Geduld mehr. Seit 28 Jahren schlägt er sich mit Bergen von Geschichts-, Politik- und Englischarbeiten herum, seit 28 Jahren sieht er, dass er – bei gleichem Gehalt – mehr korrigieren muss als die Lehrer anderer Fächer. Jetzt will er diese von ihm als ungerecht empfundene Arbeitsverteilung nicht länger hinnehmen: Der von ihm mitgegründete Verband der Korrekturfachlehrer strebt im März eine Sammelklage „wegen offenkundiger Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes“ beim Verwaltungsgericht an.

Eigentlich hatten die Lehrer so korrekturintensiver Fächer wie Deutsch, Französisch oder Geschichte geglaubt, ein derartiger Schritt sei nicht notwendig. Schließlich hatten sich SPD und PDS vorgenommen, etwas für die Arbeitszeitgerechtigkeit der Lehrer zu tun, und dieses Ziel in die Koalitionsvereinbarung aufgenommen – so wie vier Jahre zuvor schon der schwarz-rote Senat. Aber ein halbes Jahr vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus steht fest: Daraus wird nichts.

„An der Lehrerarbeitszeitregelung wird in dieser Legislaturperiode nichts geändert“, teilt die Senatsverwaltung für Bildung jetzt mit. Zur Begründung wird auf die „Fülle tief greifender Reformen“ verwiesen. „Wir wollten nicht noch ein weiteres Feld aufmachen – zudem ein so schwieriges“, ergänzt die bildungspolitische Sprecherin der SPD, Felicitas Tesch. Wie schwierig das Feld ist, hat sie schnell gemerkt: Als das Parlament erste zaghafte Versuche unternahm, sich dem Thema zu nähern, „da riefen sofort die Kunstlehrer an“, sagt die Abgeordnete. Sie befürchteten ebenso wie die Sport-, Musik-, Erdkunde- und Biologielehrer, dass sie noch mehr unterrichten müssen, um die Entlastung der Korrekturfachlehrer kostenneutral umsetzen zu können.

Die unterschiedliche Interessenlage der einzelnen Fachlehrer ist es auch, die bewirkt, dass sich die Lehrergewerkschaften auffällig zurückhalten. „Die GEW hat Angst, dass die Lehrer übereinander herfallen. Auch Austritte von Mitgliedern wären möglich“, sagt Bernd Linke, Vize-Chef des Verbands der Oberstudiendirektoren. Entsprechend zurückhaltend äußert sich GEW-Chefin Rosi Seggelke: „Eine Arbeitszeitgerechtigkeit gibt es nie“, sagt sie. Sportlehrer müssten zwar weniger korrigieren, dafür seien sie aber wegen der Lärmbelastung sehr gefordert. Im Übrigen habe die GEW bei der Erarbeitung neuer Arbeitszeitmodelle mitgewirkt, die 1998 unterschriftsreif gewesen seien, dann aber „in die Tonne getreten wurden“, als die Leitung der Schulbehörde von Ingrid Stahmer auf Klaus Böger überging. Seither kam es für die Korrekturfachlehrer noch schlimmer: Anstatt sie zu entlasten, wurde ihre Unterrichtszeit weiter erhöht – und zwar im selben Maße wie die der anderen Fachlehrer. Aus 22 Unterrichtsstunden wurden etwa bei den Gymnasiallehrern inzwischen 26.

Einzelne Lehrer haben seither versucht, gegen die Arbeitszeiterhöhung zu klagen. Bisher ohne Erfolg. Allerdings forderte ein Verwaltungsrichter die Bildungsverwaltung auf, doch einmal vorzurechnen, wie eine Englisch- und Erdkundelehrerin innerhalb der vorgegebenen Beamtenarbeitszeit ihre Aufgaben erfüllen kann. Das Ergebnis war für die Lehrerschaft aufschlussreich. So ist dort zu lesen, dass die Korrektur einer Englischkurs-Klausur in der zehnten Klasse im Schnitt 12,5 Minuten betrage.

Diese Angabe sei „eine schlimme Farce“, urteilt der Leiter des Steglitzer Paulsen-Gymnasiums, Jobst Werner. Im Hauptstadtmagazin des Beamtenbundes weist er darauf hin, dass eine Arbeit in dieser Klassenstufe 45 bis 180 Minuten dauert, wobei drei bis acht handschriftliche Seiten zusammenkommen. Diese zu lesen dauere allein schon über zehn Minuten, ganz zu schweigen vom Korrigieren und der Notenfindung.

Richtig geärgert hat sich auch Reinhold Tyrach über die offiziellen Zeitangaben. Eine Weile hat er versucht, die Klassenarbeiten in der vorgegebenen Zeit zu korrigieren. An jede Klausur heftete er dann einen Zettel, auf dem er die Eltern darauf hinwies, dass die hastige Korrektur den Vorgaben der Bildungsverwaltung geschuldet war. Als das Klaus Böger im Abgeordnetenhaus zu Gehör kam, erhielt Tyrach sofort die Aufforderung, sein Tun einzustellen. „Die Schulaufsicht bewertet das Verhalten der Lehrkraft gegenüber den Erziehungsberechtigten als unprofessionell und illoyal“, teilte Bögers Sprecher mit.

Damit ist das Thema aber nicht vom Tisch. Zumindest die Opposition ist der Ansicht, dass sich etwas ändern muss. „Wir brauchen ganz dringend neue Arbeitszeitmodelle“, sagt der Bildungspolitiker der Bündnisgrünen, Özcan Mutlu. Die unterschiedliche Belastung der Fächer solle berücksichtigt werden, meint er im Einvernehmen mit FDP und CDU. Die Christdemokraten wollen darüber hinaus noch die Schulleiter entlasten.

Erst mal aber geht es vor Gericht: 20 Lehrer wollen sich der Klage des Korrekturfachlehrerverbandes anschließen.

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