Werbinich : Krieg den Puppen

Bernd Matthies rechtfertigt die behördliche Bekämpfung von Spinnern.

Die Natur! Ist natürlich, aber nicht nett zu uns. Sie schickt uns giftige Pflanzen und bissige Tiere, und wenn sie so nachhaltig wäre, wie es im Bioladen immer heißt, dann wären unsere Vorfahren von den Dinosauriern aufgegessen worden, kein Mensch mehr, nirgends. Also müssen wir unsere friedliche Koexistenz mit der Natur immer mal wieder neu aushandeln – und das notfalls mit Gewalt. Die Mücke totschlagen, bevor sie sticht, die Maus wegfangen, bevor sie uns krank macht, den Fuchs vertreiben, bevor er die Gänse holt. Ganz ähnlich ist die Lage beim Eichenprozessionsspinner. Das ist ein hübscher Schmetterling, der uns einen Sommertag verzaubern mag, nur fällt er leider vorher in Gestalt einer Raupe über die Vegetation her, mampft komplette Bäume nieder und löst vor allem allergische Reaktionen aus, in unserer Gegend seit etwa zehn Jahren. Wer die feinen Haare der Raupe berührt, muss mit starkem Juckreiz, Bronchitis, Asthma und im Einzelfall auch gefährlichen Schockreaktionen rechnen. Allzu lange waren die Behörden nachsichtig, haben sich darauf verlassen, dass es genügt, alle Raupen einzusammeln, die sichtbar herumkriechen. Das ist zwar irgendwie öko und betont schadstoffarm, aber es funktioniert nicht, es ist, wie uns die Gesundheitsverwaltung nun feinsinnig mitteilt, „organisatorisch und finanziell nicht mehr realistisch“. In diesem Frühjahr wird also erstmals ein Biozid versprüht, um vor allem in der Umgebung von Kitas Ordnung zu schaffen. 300 000 Euro sind dafür eingeplant, das dürfte, wenn es denn funktioniert, gut ausgegebenes Geld sein. Chemie gegen Allergie – das ist ja auch irgendwie natürlich. Selbst Pflanzen verteidigen sich gegen Fressfeinde mit Gift. Das sollte der Mensch im Grenzfall schon mal nachahmen dürfen.

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