Werbinich : Lehrer verteilen Spickzettel

Unser Leser Hermann Krätschell hat 1954 in Ost-Berlin den Kulturkampf erlebt

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Die politischen Verhältnisse und die Schulbedingungen waren ungewöhnlich, als ich im Frühjahr 1950 Abitur machte. Unsere Schule, das „Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster“, hatte in der Niederwallstraße, nahe dem Spittelmarkt, eine provisorische Unterkunft gefunden. Das alte Schulgebäude in der Klosterstraße lag in Trümmern. Berlin war unter den Siegermächten aufgeteilt. Unsere Schule befand sich im sowjetischen Sektor.

Die kommunistische Schulbehörde hatte den Direktor entlassen und einige Lehrer durch linientreue Leute ersetzt. Trotz wachsenden politischen Drucks gelang es ihr aber nicht, den humanistischen Geist der ehrwürdigen Traditionsschule zu brechen. Fast alle Schüler und Eltern und die meisten Lehrer solidarisierten sich in einer Art stillen Widerstandes gegen erneute Diktatur und Bevormundung.

In den Abiturprüfungen von 1950 kam es unseren alten Lehrern darauf an, uns einigermaßen gefahrlos unter den misstrauischen Augen der Parteileute mit ihren ideologischen Anforderungen hindurchzusteuern. Ja, unser im sicheren West-Berlin wohnender Deutschlehrer ging sogar so weit, uns die ideologisch bestimmten Themen der Deutsch-Klausur zu verraten. Noch heute besitze ich die vier mit Schreibmaschine eng bedruckten DIN-A-4-Seiten, auf denen er den Aufsatztext zum Abschreiben vorbereitet hatte. Mein Freund Hans-Wilhelm verkleinerte sie in seinem Fotolabor auf das unglaubliche Format von 5 x 7 Zentimeter, so dass man sie in der hohlen Hand verstecken und gerade noch lesen konnte.

In der Mathematikprüfung musste ich freilich meine Hoffnung gänzlich auf einen rettenden Engel werfen: auf den am Tisch vor mir sitzenden Freund Klaus, ein Mathematikgenie. Gerade eben noch rechtzeitig steckte er mir die Lösung zu.

Einige Jahre später, im Juni 1958, vollzog die SED schließlich die Exekution unserer 384 Jahre alten Schule. Erst wurden die meisten Lehrer ausgewechselt, dann gab es nur noch eine „Zweite Oberschule Berlin-Mitte“. Im Westen Berlins ergänzte daraufhin das „Evangelische Gymnasium“ seinen Namen um „zum Grauen Kloster“ und bemühte sich, etwas von der Tradition der ältesten Berliner Schule weiterzupflegen.

Hermann Krätschell ist 74 Jahre alt und war Mitbegründer und bis 1994 Leiter der Europäischen Akademie Berlin.

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