Werbinich : Leichter lernen

Das Design der Schultasche ist wichtig, entscheidend sind aber die Sicherheitsnormen

Claudia Keller

DECKEL

Kann der Ranzen frei stehen und bleibt der Deckel von alleine offen? Klappt er ständig zu, nervt das, wenn man Bücher und Hefte verstauen will oder etwas sucht.

GURTE

Sitzt der Ranzen richtig? Sind die Gurte mindestens vier Zentimeter breit, leicht verstellbar und gut gepolstert? Liegt die Tasche gut am Rücken an? Ragt der Ranzen nicht über die Schultern hinaus? Kann sich das Kind gut damit bewegen?

Drei Monate hat Sven durchgehalten, dann musste eine neue Schulmappe her. Der Sechsjährige hat die Hänseleien nicht mehr länger ertragen: Auf seinem Tornister waren Robben aufgemalt, was sich für einen richtigen Jungen offenbar nicht gehört. Martialische Roboter, Rennautos oder Ritter sind angesagt. Die Schultaschen, die sich jetzt wieder in den Schreibwarenläden stapeln, sind für die 27400 Erstklässler, die in drei Wochen in Berlin eingeschult werden, die Eintrittskarte in die Welt der Großen. Es sind Statussymbole für die Kleinen wie die Businessköfferchen für die Eltern.

„Neutrale Motive wie Delfine oder Robben laufen überhaupt nicht“, sagt Jürgen Köppen vom Schreibwarenladen „Der Schreiberling“ in Wilmersdorf. Er verkauft seit Jahren Schultaschen und weiß, dass Mädchen hartnäckig auf Rosen, Pferde und „Diddl-Maus“ bestehen, Jungs auf Rennfahrer. Das werde sich nicht ändern, solange die Schumacher- Brüder erfolgreich sind, prophezeit der Einzelhändler. Lehrersprecherin Brigitte Wilhelm rät allerdings, auf zu viel „Schnickschnack“ zu verzichten, das lenke nur ab.

Das Design ist außerdem nicht alles. Worauf Eltern besonders achten sollten, ist die Sicherheit: Wie gut können Autofahrer mein Kind mit dem Tornister wahrnehmen? Denn in Deutschland verunglückt im Schnitt alle elf Minuten ein Kind im Straßenverkehr. Gute Ranzen leuchten intensiv und grell, bei Tag und bei Nacht. Um Sicherheitsstandards zu garantieren, wurde vor drei Jahren die DIN–Norm 58124 für Schulranzen geschaffen. Das DIN- oder GS-Siegel erhalten nur die Modelle, bei denen mindestens zehn Prozent der Fläche vorne und an den Seiten einen Katzenaugen-Effekt haben und mindestens 20 Prozent in Orange und Gelb fluoreszieren. Eltern sollten sich in diesem Punkt durchsetzen, rät auch die Stiftung Warentest, auch wenn das grelle Orange bei Kindern nicht sonderlich beliebt ist. Nicht jeder Erstklässler will aussehen, als lerne er bei der Stadtreinigung.

Die Sicherheit ist allerdings nicht ganz billig. Zwischen 80 und 150 Euro muss man für DIN-zertifizierte Ranzen ausgeben. Beim Vergleich der Stiftung Warentest vor drei Jahren schnitten die Marken Scout und McNeill besonders gut ab.

Genauso wichtig wie die Sicherheit ist das Gewicht einer Schultasche. Als Faustregel gilt: Die Schulmappe sollte nicht mehr wiegen als zehn Prozent des Körpergewichts des Kindes. Bei einem zarten sechsjährigen Mädchen, das 18 Kilo auf die Waage bringt, wären das 1,8 Kilo. Die meisten Ranzen wiegen aber schon rund 1,3 Kilo. Blieben also noch 500 Gramm für die Füllung – mit Pausenbrotbox und Trinkflasche, Mäppchen, Mathebuch und Heft sind die schnell erreicht. Deshalb sollten sich Eltern auf jeden Fall Zeit nehmen und mit den Kleinen zusammen anhand des Stundenplans nur das einpacken, was wirklich nötig ist, und die Lehrer fragen, was in der Schule bleiben kann, zum Beispiel der Atlas oder der Sportbeutel. Die leichten Ranzen wiegen 990 Gramm, sind aber oft nicht so stabil wie die schwereren. Bei der Leichtigkeit liegen Modelle von Herlitz vorne.

Die AOK hat errechnet, dass die deutschen Schüler jedes Jahr insgesamt 800 Kilometer zur Schule und zurück laufen. Alles, was das Tragen der Bücher erleichtert, punktet da natürlich. Zum Beispiel Ranzen, die sich durch eine Verstärkung im Lendenwirbelbereich gut an den Körper anpassen und verstellbare, gepolsterte, mindestens vier Zentimeter breite Gurte haben. Die ideale Größe hat der Tornister, wenn er nicht über die Schultern des Kindes hinaussteht. Deshalb sollte das Kind beim Kauf dabei sein, um mit der Tasche Probe zu laufen.

Noch ein Preis-Tipp: Etliche Schreibwarenläden arbeiten mit den Schulen in ihrem Viertel zusammen und geben Kindern dieser Schulen Rabatte. Während viele Kaufhäuser die von den Herstellern empfohlenen Preise an die Kunden weitergeben, sind Ranzen beim Einzelhändler oft billiger. Kaufhäuser bieten dafür Schultaschen im Set mit Mäppchen und Sportbeutel an. Ein Mäppchen von Scout alleine kostet um die 17 Euro, ein Sportbeutel 14 Euro.

Wer Sozialhilfe bezieht, kann beim Amt eine Einschulungspauschale von 61,35 Euro pro Kind beantragen. Dafür ist zwar nicht der Mercedes der Ranzen drin, aber immerhin ein gepflegter Golf. Zum Leidwesen von Einzelhändler Jürgen Köppen entdecken immer mehr Eltern einen noch günstigeren Weg: Sie ersteigern die Schulmappe im Internet bei Ebay. Dort ist ein Scout schon für 60 Euro zu haben – inklusive Risiko, dass er nicht passt.

Die Ergebnisse des Ranzentests der Stiftung Warentest wurden im Heft 5/2001 veröffentlicht. Man kann den Test für einen Euro unter www.test.de herunterladen oder unter Tel. (0180) 5002467 bestellen.

SICHERHEIT

Erfüllt der Ranzen die Sicherheitsnorm: Leuchten mindestens 20 Prozent der Fläche an den Seiten und Vorderteilen in fluoreszierendem Orange oder Gelb? Hat er das GS- oder DIN-Zeichen?

PASSFORM

Drückt die Schultasche auf die Lendengegend? Hängt sie wie ein nasser Sack herunter? Unser Modell besteht im Rückenteil aus einer gehärteten Schale, die am Rücken anliegt und im Lendenbereich verstärkt ist, so wie ein Wanderrucksack für die großen Profis. Der Boden darf sich nicht verbiegen und verformen.

KATZENAUGEN-EFFEKT

Haben mindestens zehn Prozent der Fläche einen Katzenaugen-Effekt? Sonst gibt es das DIN-Abzeichen nicht.

SCHNALLE

Können auch kleine Kinderhände die Schnallen und Reißverschlüsse öffnen und schließen? Steht nichts Spitzes ab, an dem man sich verletzen könnte? Ist das Material der Tasche wasserdicht?

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