Werbinich : Leichter zur Lehrstelle

Kaufleute investieren in Bildung von Migranten

Silke Zorn

Damla, Fatima, Zeliha und Jason rappen. Sie klatschen rhythmisch in die Hände, ihr Sprechgesang wechselt sich ab, zwei Kinder starten, dann setzen die anderen beiden ein, so entsteht ein Kanon. Fatima und Zeliha singen von den Katzen, die sich auf leisen Pfoten heranschleichen, Damla und Jason von den Mäusen, die sich sputen müssen, um nicht verspeist zu werden. Mal werden ihre Stimmen etwas leiser, mal sprudelt der Text etwas zu schnell aus ihnen heraus, doch immer wieder finden sie in den richtigen Takt zurück, bis die musikalische Mäuse-Jagd schließlich ein Ende findet.

Die Drittklässler der Erika-Mann- Grundschule in Wedding üben nicht für den Schulchor. Sie nehmen an der Initiative „Lesen lernen“ teil, die der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) ins Leben gerufen hat und mit viel Geld unterstützt. Das Projekt soll dazu beitragen, dass ausländische Kinder besser lesen lernen. Anstoß für das Engagement des Vereins war ein alarmierendes Ergebnis der ersten Pisa-Studie: 25 Prozent aller Kinder aus Migrantenfamilien haben keine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, weil sie nicht richtig lesen können.

Um das zu ändern, unterstützen seit Beginn des Schuljahres Studenten an 13 Grundschulen in sozialen Brennpunkten leseschwache Kinder. Ein- bis zweimal wöchentlich kümmern sich insgesamt 23 Pädagogikstudenten nach dem regulären Unterricht um den Nachwuchs. In kleinen Gruppen mit maximal sechs Kindern wollen sie mit Bildergeschichten, selbst komponierten Liedern und Büchern, die dem Wortschatz der Kinder entsprechen, die Lust am Lesen wecken. Unter der Leitung von Erziehungswissenschaftlerin Agi Schründer-Lenzen wurden hierfür spezielle Trainingsmethoden entwickelt.

Der VBKI gibt dafür einen fünfstelligen Betrag aus, das Projekt ist zunächst auf ein Jahr angelegt. „Wenn es erfolgreich ist, werden wir uns langfristiger engagieren“, sagt VBKI-Präsident Klaus von der Heyde.

Während die kleinen Sänger mit ihrer Studentin Sophie Westarp Bildergeschichten betrachten, werden einige Stockwerke weiter oben in der Fördergruppe von Vanessa Alvino Teppiche und Kissen ausgebreitet. Vier Kinder machen es sich auf dem Fußboden gemütlich, die junge Frau sitzt in der Mitte und liest eine Abenteuergeschichte vor. Immer wieder unterbricht sie die Geschichte, stellt Fragen und bringt die Schüler dazu, mitzumachen. „Da kam gerade ein Riese vor. Wie schreibt man noch mal ’Riese’? Wisst Ihr eigentlich, was ein Walkie-Talkie ist? Und was ist ein Staudamm?“ Na klar wissen sie das, und Susanna weiß sogar noch mehr: Nicht nur Menschen bauen Staudämme, sondern auch Biber. So lernen die Kinder Schritt für Schritt neue Wörter, erschließen sich Zusammenhänge, tauschen ihr Wissen aus.

Ganz einfach ist es allerdings nicht, die Mädchen und Jungen anderthalb Stunden lang aufmerksam zu halten. Susanna und Anita fangen an, sich zu kabbeln, Mario rutscht unruhig auf seinem Hocker herum. Doch Vanessa Alvino schafft es mit Zuwendung und der nötigen Portion Resolutheit immer wieder, die Gedanken der Kinder zur gemeinsamen Lektüre zurückzulenken.

Die Pädagogikstudentin der Technischen Universität freut sich über die Chance, zusätzliche praktische Erfahrung mit Kindern sammeln zu können. Und sie freut sich über die Fortschritte ihrer Schützlinge, auch wenn diese marginal erscheinen mögen. „Wenn ich Ilkkan durch das Lesen dazu bringe, in mehr als zwei Sätzen von der vergangenen Woche zu erzählen, dann ist das wie ein kleines Wunder.“ Lesen lernen heißt verstehen lernen.

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