Werbinich : Lernen, tanzen, leben

Jürgen Lekutat ist Lehrer im Menzel-Gymnasium. Die Schüler lieben ihn – und seine ganz spezielle AG

Stefan Jacobs

Geschwätzig ist der Lieblingslehrer nicht gerade. Verschafft sich mit einem gellenden Pfiff Gehör für eine seiner typischen Ansagen: „Jetzt Charleston – also bildet drei Gruppen!“ Binnen Sekunden entflicht sich das Knäuel aus 60 Schülern zu geordneten Formationen, die Wolke aus Geplapper löst sich auf. Musik scheppert in die mausgrau gestrichene Turnhalle hinein, Schuhsohlen streifen übers blassgrüne Linoleum.

Jürgen Lekutat beobachtet seine Schüler und sieht beinahe zufrieden aus dabei. Es ist später Donnerstagnachmittag, einer von zwei Terminen der Tanz AG am Menzel-Gymnasium. Bei dem anderen Termin, samstagmittags, ist es immer genauso voll, rund 20 zumeist weibliche Kandidaten stehen auf der Warteliste. „Ich empfinde die Tanz-AG nicht als Arbeit“, sagt der 51-Jährige, obwohl er wöchentlich rund zehn Stunden investiert und dafür nur zwei reguläre Unterrichtsstunden erlassen bekommt.

Im Hauptberuf ist er Sport- und Chemielehrer an der Schule zwischen Hansaviertel und Moabit, die auch einen musisch-künstlerischen Zug hat. Vor Jahren betreute er die Fußball-AG, deren weibliche Mitglieder das Programm erweitern wollten. So wurde eine Sportspiel-AG daraus, zu deren Beginn jeweils getanzt wurde. 1993, als die anstehenden Abifeiern für glamourbedürftig befunden wurden, startete das Tanzprojekt. Von jener Zeit an wurde der eher kleine Lehrer mit dem Oberlippenbärtchen, der manchmal leicht schief sitzenden Brille und den Strubbelhaaren zum Helden.

Wie wird man ein Held, als Lehrer, in diesen Zeiten? Eine Ahnung davon kann man bekommen, wenn man sich für die Dauer der Tanz-AG auf eine Bank an den Rand setzt. Lekutat stellt die Musik ab, ruft den sitzenden Schülern zu: „Alle mal aufstehen, die erst weniger als ein Jahr dabei sind!“ Und dann: „Jeder sucht sich einen von denen, die noch sitzen!“ So hat er ohne Diskussion 30 Tanzpaare aus Neulingen und Routiniers verkuppelt. „Generationenvertrag“ nennt Lekutat dieses Prinzip, das den Jüngeren geübte Partner verschafft und den Älteren jede Chance nimmt, überheblich zu werden.

„Ich finde es klasse, dass hier jeder mit jedem tanzt“, sagt Julia. „Wir sind total fasziniert, wie Herr Lekutat das organisiert: Wenn mal einer nicht kann, steht man trotzdem nie ohne Tanzpartner da.“ Die Blondine aus der 13. Klasse gehört zu den Glücklichen, die schon außerhalb der Schule auftreten dürfen. Die Tanz-AG ist gut gebucht: Sie treten auf Straßenfesten auf und bei großen privaten Feiern, zu Silvester gastieren sie im Café Zeitlos in der Franklinstraße, das Trainingslager am Werbellinsee ist auch bald wieder dran, und für den Sommer ist schon die Reise nach Usedom abgemacht: Die Kurverwaltung lädt sie zu vier Tagen auf der Insel ein, an denen sie täglich knapp zwei Stunden in den berühmten Seebädern auftreten. Was an Honoraren reinkommt, wird in passende Kostüme investiert. Ein Cha-cha-cha im Flamenco-Kleid wäre ja unprofessionell.

Die Musik ist wieder aus, Lekutat ruft einen Walzer auf. „Und denkt dran, dass ihr euch ab dem Bauchnabel abwärts berühren müsst!“ 60 Mädchen und Jungen der Klassen 8 bis 13 verschränken ihre Beine ineinander ohne das leiseste Kichern. Vielleicht ist es Lekutats völlige Allürenfreiheit, die dem Tanzkurs jeden Anflug von Peinlichkeit nimmt. Gegen den durch und durch uneitlen Lehrer muss sich niemand profilieren.

Das Selbstbewusstsein steht den Schülern – 32 Mädchen und 28 Jungen – ins Gesicht geschrieben. Der Neuntklässler Niko bestätigt, dass er dank der AG entspannter mit Mädchen umgehe als zuvor. Julia sagt: „Es ist hier auch völlig egal, wo jemand herkommt.“ Man habe viele Ausländer, aber kein Ausländerproblem. Und Lekutat erzählt später, während die älteren Schüler mit den Jüngeren die aktuellen Figuren üben: „Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass hier niemand kifft. Hier muss sich niemand mit so was hervortun.“

Zwölf AG-Mitglieder geben inzwischen für Geld Tanzunterricht außerhalb der Schule. Etwa gleich viele tanzen in Vereinen, also auch Meisterschaften. Als kürzlich vor einem Auftritt ein Schüler ausfiel, sprang ein inzwischen 30-jähriger Ex-Schüler ein, der seit dem Abitur immer Kontakt gehalten hat – wie so viele ehemalige Schüler, die zum Teil sogar noch bis zu drei Jahre nach dem Abitur regelmäßig zur Tanz AG kommen.

Da kann es kaum noch verwundern, dass Lekutats Sohn von Beruf Tanzlehrer wird. Bald hat er seinen Vater überflügelt – obwohl auch der noch regelmäßig bei einer professionellen Tanzlehrerin trainiert. Anders wäre es wohl auch kaum möglich, dass er den Schülern immer wieder neue Figuren beibringt, die die alten Tanz-AG-Hasen zu immer neuen Formationen für die Auftritte kombinieren. Das ist das Ziel, das auch Niko vor Augen hat. „Ja, klar!“, antwortet der Neuntklässler beinahe empört auf die Frage, ob er bis zum Abitur bei der AG bleiben wolle.

Zum Ende der eineinhalb Stunden setzen sich alle in einen Kreis, um die Weihnachtsfeier zu besprechen. Sie veranstalten wieder „Anti-Julklapp“: Jeder bringt ein schön verpacktes Geschenk mit, das er selbst so richtig schlimm findet, aber das vielleicht für irgendwen sonst attraktiv oder zumindest originell sein könnte. Im vergangenen Jahr hat Jürgen Lekutat ein großes gerahmtes Foto von sich verschenkt. Und alle fanden es witzig.

Mehr im Internet: www.tanz-ag.de

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