Werbinich : Lesen wie Reich-Ranicki

Schriftsteller interviewen,Bücher kritisieren: Die „Leseratten“ führenKinderan denLiteraturbetrieb heran

Susanna Nieder

Wer um 14.30 Uhr in die Zehlendorfer Schadow-Oberschule will, muss aufpassen, dass er nicht von den herausströmenden Schülern umgerannt wird. Die Schule ist aus, alle wollen so schnell wie möglich nach Hause. Die jetzt noch bleiben, müssen gute Gründe haben.

In einem winzigen Raum im Souterrain drängeln sich mehr als ein Dutzend Schüler auf zwei braunen Sofas, gestreiften Sitzkissen und Teppichen, umgeben von drei Bücherwänden, die bis unter die Decke reichen. Hier steht, was die moderne Kinder- und Jugendliteratur hergibt: Bestseller wie „Tintenblut“ und „Molly Moon“ (nicht zu vergessen „Harry Potter“), Klassiker wie „Jim Knopf“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ und viele weniger bekannte Titel, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. In diesem Raum treffen sich jede Woche reihum vier Gruppen der „Berliner Leseratten“ zu Literatur-AGs. Was bringt sie dazu, regelmäßig für diese AG ihre Freizeit zu opfern?

„Die Langzeitmotivation“, sagt Florian (15) wie aus der Pistole geschossen. Er ist seit der Gründung der „Berliner Leseratten“ 2002 dabei und hat wie die meisten hier nicht die Absicht, in absehbarer Zeit auszusteigen. Denn es wird bei den „Leseratten“ nicht nur gelesen und über das Gelesene diskutiert. Man kann nicht nur, wie die 13-jährige Shiva erklärt, mehr neue Bücher ausleihen als sonst wo und bekommt ständig neue Empfehlungen. „Wir gehen außerdem zu Lesungen, diskutieren bei Literarischen Quartetts über Literatur, fahren zwei Mal im Jahr auf die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt und treffen Autoren“, sagen die Jugendlichen auf. Shiva hat sogar schon mal T.A. Barron interviewt – auf Englisch! Wenn die „Leseratten“ Bestseller-Autoren wie Jonathan Stroud („Bartimäus“), Christopher Paulini („Eragon“) oder Eoin Colfer („Artemis Fowl“) treffen und die nun mal nur Englisch können, dann wird eben das Englisch herausgekramt, das man in der Schule lernt.

Von den älteren „Leseratten“, ab der siebten Klasse, sind einige außerdem Testleser für cbj, den Jugendbuchverlag von Bertelsmann. „Die Verlage geben oft besondere Empfehlungen“, sagt Anna (15). „Das heißt aber noch lange nicht, dass uns die Bücher gefallen.“

Deshalb ist es auch gut, dass der Deutsche Literaturpreis seit 2004 endlich eine Jugendjury hat. Sechs Lesegruppen aus dem ganzen Bundesgebiet werden jedes Jahr in diese Jugendjury gewählt. Die Berliner Leseratten gehören dieses Jahr dazu. „Wir müssen die Neuerscheinungen lesen, damit wir unsere Vorschläge nominieren können. Kinder sollten am Kulturbetrieb teilhaben, findet die studierte Germanistin und Journalistin Regine Bruckmann, die Mitbegründerin der Berliner Leseratten. Man müsse viel Missionsarbeit leisten, denn unter Intellektuellen, gerade in Berlin, würden Kinder nun einmal nicht ernst genommen, fügt ihre Kollegin, Literaturwissenschaftlerin Birgit Murke, hinzu. Jede der beiden hat drei Kinder, die Idee zu den Leseratten entstand aus der Erfahrung, wie in der Schule mit Literatur umgegangen wird: „Sobald die Kinder lesen können, heißt es, jetzt müsse das Elternhaus die Förderung übernehmen. Das ist aber oft nicht möglich.“

Also beschlossen sie, den Bereich zwischen Elternhaus und Schule auszubauen, wobei die Kontinuität durch wöchentliche Treffen über Jahre hinweg eine entscheidende Rolle spielt. Sie arbeiten mit Verlagen und Buchhändlern zusammen und haben sich für dieses Schuljahr bereits drei neue Kolleginnen gesucht: Zu fünft leiten sie derzeit 21 Literatur-AGs und Leseclubs an neun Grundschulen und Gymnasien in Zehlendorf, Steglitz und Wilmersdorf, Tendenz steigend. Die meisten Kinder, die bei den Leseclubs mitmachen, lesen gerne oder kommen aus Elternhäusern, in denen gelesen wird, sagt Regine Bruckmann. Sie gehören also gerade nicht zu denen, die dringend eine Leseförderung nötig hätten. Aber immerhin: 20 Prozent der Jugendlichen, die zuvor nur ungern in ein Buch schauten, konnten sie fürs Lesen gewinnen.

„Wer liest, lernt“, lautet das Motto der Leseratten. Lesen ist eine Grundlage für die Teilnahme am Kulturbetrieb, eine andere das Debattieren, das in den Literatur-AGs geübt wird. In der Schadow-Oberschule werden an diesem Nachmittag verschiedene Bücher vorgestellt, und man merkt: Den Unterschied zwischen kritischer Nacherzählung und Inhaltsangabe hat hier jeder begriffen. Die Beurteilungen kommen flüssig und selbstsicher, genaue Nachfragen der Schüler und Dozentinnen werden schnell und genau beantwortet, abweichende Meinungen diskutiert, aber nicht niedergeknüppelt. Wer liest, lernt – aber eben nur, wenn es auch Spaß macht.

Am Sonnabend, den 26. 11., findet das dritte Berliner Leserattenfest statt. Von 11 bis 20 Uhr lesen in der Schwartzschen Villa, Grunewaldstraße 55 in Steglitz: Lena Stolze (11 Uhr), Sabine Ludwig (12 Uhr), Klaus Kordon (13 Uhr), Rainer Strecker (14 Uhr). Weitere Informationen über die Leseratten bei Regine Bruckmann, Telefon: 834 57 33, Unger-bruckmann@t-online.de.

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