Liebe in Zeiten der Globalisierung : Love is in the air

Flugzeuge im Bauch: Echte Fernbeziehungen kennen keine Ländergrenzen.

Gina Krymalowski
Flugzeuge im Bauch. Liebe über Ländergrenzen hinweg kennt keine tägliche Nähe. Wer trotzdem an sie glaubt, lässt sich das Pendeln einiges kosten.
Flugzeuge im Bauch. Liebe über Ländergrenzen hinweg kennt keine tägliche Nähe. Wer trotzdem an sie glaubt, lässt sich das Pendeln...Foto: dapd

Wenn sich Paare voneinander verabschieden, klingt das heute mitunter so: „Ich liebe dich, Schatz.“ – „Ich dich auch! Bis morgen.“ – „Skypen um acht, wie immer?“ – „Um acht, wie immer!“ Es ist ein typischer Dialog, den Menschen in Fernbeziehungen so oder so ähnlich fast täglich führen.

Fernbeziehungen sind nichts Neues, es gibt sie seit Jahren. Studienplätze in verschiedenen Städten; Jobangebote, die einen Umzug von München nach Hamburg mit sich bringen; Auslandspraktika, die Paare zumindest zeitweise trennen: Gefühle sind nicht mehr an einen Ort gebunden. Internet, Bahncard und Mitfahrzentralen ermöglichen uns Flexibilität auch in Herzensangelegenheiten. Doch mittlerweile werden Beziehungen nicht mehr nur über Bundesländer hinweg geführt, sondern auch über Ländergrenzen hinweg.

Wir verreisen häufig, Jugendfreizeiten oder gemeinsame Urlaube mit Freunden in den Schulferien, all das fängt schon mit 14, 15 Jahren an. Später verbringen wir mal ein verlängertes Wochenende in London, mal ein Austauschsemester in Frankreich, mal ein Jahr der Selbstfindung in Australien. Easyjet und Co sorgen dafür, dass Trips nach Manchester, Kopenhagen oder Barcelona heute so unkompliziert sind wie Fahrten nach Hannover oder Augsburg. Und bevor man weiß, wie es passiert ist, hat man sich in jemanden verliebt, der nicht den gleichen Pass hat. Die erste gemeinsame Zeit ist etwas Besonderes. Doch plötzlich muss man sich verabschieden, und die Frage kommt auf: Wird man es schaffen, in Kontakt zu bleiben und sich wiederzusehen?

Allein in meinem engsten Umfeld leben fünf Freundinnen in Fernbeziehungen. Die Distanz Köln – Frankfurt ist dabei fast harmlos. Thea und Philipp sind seit einem Jahr zusammen und wechseln sich jedes Wochenende ab: eins bei ihr in Frankfurt, eins bei ihm in Köln. Stressig? Vielleicht. Aber lohnen würde es sich.

Schwieriger hat es da Fiona, deren Beziehung zu Yannick schon zwei Jahre dauert. Beide stammen ursprünglich aus Köln, dort haben sie sich kennengelernt. Dann ging sie zum Studieren ins niederländische Leiden, er ins französische Nancy. Wenigstens einmal im Monat versuchen sie, sich zu treffen, dann verbringen sie die knappe Zeit sehr intensiv miteinander. Vorfreude, Bauchkribbeln, Glücksmomente, Trennungsschmerz: All das erleben sie im Zeitraffer. Anfangs war das noch aufregend. Auf die Dauer zehrt es an der Substanz und geht ins Geld – das ständige Pendeln verschlingt die Ersparnisse, selbst wenn die Eltern Fiona und Yannick gelegentlich was zustecken. Dass sich an diesem Zustand zeitnah etwas ändert, ist nicht absehbar. Wer weiß, was sich nach dem Studium beruflich ergibt, wohin es die beiden dann verschlägt.

Die Distanz zwischen Berlin und Tel Aviv ist da noch einmal etwas anderes, aber Esther sagt: „Ich liebe David halt. Warum soll ich mit jemand anderem zusammen sein, nur weil der gleich um die Ecke lebt?“ Immerhin hält ihre Beziehung schon eineinhalb Jahre. Dafür bewundern Freunde das Paar, das sich überwiegend in den Semesterferien sieht.

Liebe ist heute keine Frage der Distanz mehr. Aber wie läuft das mit dem gegenseitigen Vertrauen? Sich darauf zu verlassen, dass der Partner einem immer die Wahrheit sagt, fällt sowieso schon schwer. Hunderte Kilometer Entfernung machen das noch komplizierter. Andererseits – die gegenseitige Kontrolle war nie einfacher als heute: Wir wissen Bescheid über die neuen Facebook-Freunde des Partners, sind dank Flickr und Twitter über seinen Alltag bestens informiert. Und wenn der Freund gestern Nacht um zwei ein Foto online gestellt hat, fragen wir uns, wer das blonde Mädel im Hintergrund ist. Was die Sache auch nicht gerade erleichtert: die vielen Kommentare von Freunden, gerne auch in Form von Facebook-Posts.

Die Globalisierung hat zugeschlagen, auch in Herzensangelegenheiten. Wir tragen nicht mehr nur Klamotten „Made in India“ und italienische Schuhe, auch unser Privatleben spielt sich mittlerweile international ab. Wo die Liebe hinfällt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wir leben in einer neuen Art der Beziehung: der Beziehung 2.0 sozusagen. Den Verzicht auf tägliche Nähe nehmen wir in Kauf. Trotzdem scheuen wir keine Kosten und Mühen, um einander dann doch so oft wie möglich zu sehen. Das alles in dem Glauben an die wahre Liebe natürlich. Ist das hoffnungslose Romantik oder doch eher Selbstbetrug?

Wer viel unterwegs ist, lernt zwangsläufig viele Menschen kennen. Die Auswahl an potenziellen Partnern wird immer größer. Man muss sich in seiner Wahl nicht mehr beschränken, sondern kann wählerischer werden. Dann lebt die nächste Freundin eben in Paris, na und? Die Flexibilität, die im Studium und im Beruf von uns verlangt wird, fordern wir auch von der Liebe ein.

Es ist mittlerweile normal, die Familie ein Jahr lang nicht zu sehen, virtuelle Treffen ausgenommen. Wie können wir da erwarten, ein Leben lang mit dem Partner in der gleichen Stadt zu wohnen? Und so fangen wir an, Kompromisse einzugehen. Den Freund, die Freundin nur einmal im Monat zu sehen ist besser als gar nichts; das Private hat daher das Nachsehen, wenn der vermeintliche Traumjob ruft. Die Vorstellung, seine Lebens- und Karriereplanung von seinem engsten Umfeld abhängig zu machen, wird einem heute als Schwäche ausgelegt.

Und so treibt uns die Globalisierung auseinander, statt uns zusammenzubringen. Im Studium, im Beruf, in der Liebe. Die meisten von uns versuchen, damit zurechtzukommen. So wie Fiona und Yannick, so wie Esther und David. Trotzdem gibt es Momente, in denen sie deshalb traurig sind. So aufregend ein globalisiertes Leben, eine globalisierte Liebe auch sein mag: Manchmal kann es auch einfach schön sein, nach einem normalen Uni-Tag abends zusammen auf der Couch zu liegen und nicht den Rechner anschmeißen zu müssen.

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