Literatur : Pflichtlektüre für die Jugend

Anlässlich der Leipziger Buchmesse empfehlen unsere Autoren Werke, die sie geprägt haben.

Leber
Sebastian Leber -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Matthias Kalle leidet am Leben


16 Jahre, alles Scheiße. Mädchen, die einen nicht wollen, Freunde, die einen nicht verstehen. Die Lehrer sind Witzfiguren und die Eltern erinnern einen daran, dass es doch etwas Schlimmeres gibt, als jung sein, nämlich erwachsen werden. Und dann kam Albert Camus und sagte mir in jedem Satz, den er in seinem Roman "Der Fremde" schrieb: "Scheiß drauf." Ich las das Buch fünfmal hintereinander, danach endlich verstand ich alles. Paar Jahre später erkannte ich allerdings, dass es so, wie sich das der feine Herr Camus alles gedacht hatte, nun wirklich nicht funktioniert.

Wlada Kolosowa vermisst einen Zwilling
Als wir in der Schule "Zweier ohne" in die Hand gedrückt bekamen, war Dirk Kurbjuweits Buch doofe Pflichtlektüre. Es hat mich aber von der ersten Seite an angefixt. Ich las in der Pause, auf dem Schulklo, im Unterricht. Die Story ist sehr einfühlsam erzählt: Johan und Ludwig sind unzertrennlich. Sie rudern im "Zweier ohne", einer Bootsklasse, die völligen Einklang von den Insassen abverlangt - fast schon Verschmelzung. Das Buch traf den Nerv der Zeit, hat man sich in den Pubertätswirren doch nach einem geistigen Zwilling gesehnt.

Hadija Haruna ist süchtig nach der nächsten Seite
Nancy war die Freundin von Sid und ihre Geschichte ist traurig. So traurig und aufregend, dass ich sie gleich dreimal gelesen habe und das Buch am Ende völlig zerfleddert war - zum Ärger meiner Mutter. Sid Vicious war der Frontmann der Sex Pistols, Mitte der 70er eine der bekanntesten englischen Punk-Bands. Ihrer Mutter Deborah Spungen und deren Buch "Einstichpunkte" zufolge litt Nancy als Kind unter einem Geburtstrauma. Dass sie deswegen schon in ihrer Kindheit mit Psychopharmaka vollgepumpt wird, legt den Grundstein für ihre spätere Heroinsucht. Dabei ist Nancy hochintelligent, darf mit 16 Jahren ihren Schulabschluss vorziehen und die Uni besuchen. Ihre Einsamkeit versucht sie mit Drogen, Sex und Selbstverstümmelung zu kompensieren. Heilung sucht sie im vermeintlich coolen Rockstar Sid. Das Ende der beiden ist tragisch.

Daniel Stender blättert das Mittelalter vor
Ich habe dieses Buch überhaupt nicht verstanden. Ich war 14 Jahre alt und gerade sitzen geblieben. Umberto Ecos"Der Name der Rose" ist sehr dick (658 Seiten!). Ein sehr erwachsenes Buch also. Perfekt, um Eltern im langweiligen Dänemarkurlaub zu beeindrucken: "Ich bin zwar wegen Mathe sitzen geblieben. Aber ich lese ein kompliziertes Buch mit 658 Seiten". In "Der Name der Rose" werden zwei Geschichten erzählt. Eine über Konflikte innerhalb der katholischen Kirche, über Aristoteles und das Mittelalter. Diese Seiten habe ich immer überblättert. Denn es gibt ja noch die spannende Geschichte von einem Mörder, der seine Opfer dadurch tötet, dass er die Seiten eines Buches vergiftet. Krasser Grusel, wenn man wie ich so viele Seiten vorblättern muss. Jahre später habe ich das Buch wiedergelesen und meine Magisterarbeit darüber geschrieben. Eigentlich geht es gar nicht um die Morde. Sondern um eine Theorie des Lachens als subversive Kraft. Aber das kann man auch überblättern.

Nana Heymann liebt einen Loser
Dieser verdammte Kerl brachte mich um den Schlaf, und dabei war er nun wirklich kein Traummann. Gerade erst von der Schule geflogen, versteckte er sich vor seinen Eltern und ein bisschen auch vor sich selbst. Er streunt ziellos durch das weihnachtliche New York, begegnet Prostituierten und begnadeten Musikern; letztlich landete er im Sanatorium. Auf den ersten Blick will man einen wie J.D. Salingers Romanhelden Holden Caulfield nicht wirklich zum Freund haben. Aber dann liest man "Der Fänger im Roggen" und ist fasziniert, berührt, begeistert von Charme, Witz und Intelligenz dieses Dropouts - und kann nicht mehr schlafen, bevor man das Buch ausgelesen hat.

Björn Rosen grübelt
"Narziss und Goldmund" erzählt die Geschichte zweier gegensätzlicher Freunde. Hier der strenge, kluge Narziss, dessen Leben sich im Kloster abspielt. Dort Goldmund, der es krachen lässt. Wie in allen von Hermann Hesses Büchern wird die ganz große Frage verhandelt: Wie sieht das richtige, gute Leben aus? Sowas muss man mit 15 lesen. Weil man da eher zum Grübeln neigt - und weil man das Ganze schon ein paar Jahre später viel zu schwülstig findet.

Sebastian Leber kapiert es
Tolle Vorstellung: Da spaziert einer durch die Innenstadt und erblickt in 50 Metern Entfernung eine Fremde, von der er genau weiß, dass sie die Richtige ist. Er ahnt es nicht, er weiß es einfach. "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" heißt der Kurzgeschichten- Band, und weil Haruki Murakami ihn geschrieben hat, endet die Episode in der Fußgängerzone furchtbar unspektakulär: Der Mann ist zu feige und lässt die Fremde an sich vorüberziehen. So ist das Leben. Kann man sich gar nicht früh genug drauf einstellen.

Karolin Korthase lernt Demut
Mit 15 bin ich dir zum ersten Mal begegnet. Du warst nicht mehr in den besten Jahren, aber irgendwie sympathisch und mir drei Mark wert. Auf den ersten Blick hatte deine Geschichte über"Siddharta" (Hermann Hesse) nicht viel mit meinen pubertären Sorgen zu tun. Aber doch konnte ich viel von dir lernen - über Mut, Demut, Liebe und Religion. Bereut habe ich es nie, dich mitgenommen zu haben.

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