Werbinich : Lockvogel sein

Unsere Leserin Christa Bonfert weiß, wie man als Klasse Mitschüler gewinnt

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In einem kleinen Dorf im rumänischen Siebenbürgen habe ich 1956 die vierte Klasse der deutschen Grundschule absolviert. Danach kam ich auf die weiterführende Schule, auf der nur rumänisch unterrichtet wurde. Eine andere Möglichkeit gab es am Ort nicht. Ich hatte Angst vor dem ersten Schultag, denn ich kannte niemanden, und ich konnte kaum Rumänisch. Nun sollte ich allen Fächern in dieser Fremdsprache folgen.

Unser neuer Klassenlehrer Nicolaie Constantin machte gleich in der ersten Stunde mit uns ein Diktat und ging dabei sehr schnell vor. Ich konnte nur nachschreiben, was ich akustisch mitbekam, ohne die einzelnen Worte zu erkennen und zu verstehen. Schließlich brach ich in Tränen aus, denn der Stress und die Angst, völlig zu versagen, waren zu viel für mich. Der Lehrer strich mir freundlich über den Kopf, fragte nach meinem Namen und sagte sofort, ich müsste nicht mehr weiterschreiben.

Sehr bald sollte die ganze Klasse dieses Diktat vergessen, denn ein Junge war noch keinen Tag zum Unterricht erschienen. Unser Klassenlehrer stiftete uns zu einem Komplott an, um den Jungen in die Schule zu locken. Der Großvater, bei dem der Junge lebte, hatte erklärt, er könne den Jungen nicht zur Schule schicken, weil er keine ordentlichen Kleider für ihn habe. Er fürchtete, dass der Junge als Sinti von der Klasse verhöhnt werde.

Nun animierte uns der Lehrer, Briefe an den Jungen und an der Großvater zu schreiben, Bilder zu malen, in denen wir die Schule so fröhlich und einladend wie möglich zeichneten, um die Kleider wollte sich der Lehrer selber kümmern. Im Handumdrehen hatte er aus der Klasse eine verschworene Gemeinschaft gezaubert, die nur noch ein Ziel kannte, diesem Jungen und dem Opa Mut zu machen und uns von der besten Seite zu präsentieren.

Wir redeten uns in den Pausen die Köpfe heiß und waren mit unserem neuen Lehrer ganz glücklich, als der neue Junge Tag für Tag in die Schule kam und sich unter uns wohl fühlte. Ich hatte meine Angst vergessen, ich habe ganz schnell Rumänisch gelernt, ich konnte plötzlich alles verstehen und war integriert, genauso wie der Junge, mit dem alle befreundet waren. Unser Lehrer war körperlich behindert, aber keinem fiel das auf, 33 Elfjährige haben ihn bewundert, glühend geliebt und vergöttert.

Christa Bonfert ist 59 Jahre alt und lebt seit 1983 in Deutschland.

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