Werbinich : Lucky in Luckau

Das Beste am Sommer sind die Festivals – „Berlinova“ startet heute Abend. Eine Gebrauchsanweisung

André Görke,Christian Hönicke

„In all den wunderbaren Jahren“ singen die Sportfreunde Stiller über das Jungsein. Bevor es ernst wird mit dem geregelten Leben, Beruf und Karriere, muss jeder zumindest einmal auf ein Festival fahren. An diesem Wochenende beginnt endlich auch bei uns die Saison: In Luckau, 80 Kilometer südlich von Berlin, findet das „Berlinova“-Festival statt. Drei Tage, 30 Bands, 10 000 Menschen. Und viele kleine Geschichten. Unsere Experten erzählen, was da so alles passieren kann – und muss.

Die Vorbereitung

Ein Festival beginnt nicht mit dem ersten Gig, es beginnt einen Tag vorher im „Plus“-Markt an der Ecke. Welches Bier nehmen wir mit? Welches Klopapier? Da kann’s schon mal zum Streit kommen. Spätestens, wenn das flauschige Vierlagige seinen Weg in den Kofferraum gefunden hat, weiß man, dass man gut auf das große Ereignis vorbereitet ist. Ganz wichtig ist das Essen: Chili aus der Dose, Kartoffelchips, Nudeln, Toastbrot und Bananen. Die Auswahl der Klamotten wird gern überschätzt – weil man sie während des gesamten Festivals sowieso nicht wechselt. Ein Paar Ersatzschuhe sind allerdings Pflicht. Egal, was Kachelmann sagt: Es regnet immer. Und, liebe Mädchen: Flipflops eignen sich nicht wirklich, wegen der Scherben. Wir finden auch Mädchen in Turnschuhen gut.

Die Anfahrt

Über den perfekten Zeitpunkt der Abreise kann man sich lange streiten. Der clevere Festivalbesucher fährt einen Tag früher als alle anderen, die coole Sau schwingt sich dagegen in allerletzter Sekunde ins Auto, um sich in den 20-Kilometer-Stau vor dem Eingang des Geländes einzureihen. Das ist eine gute Gelegenheit, bei mehr als dreißig Grad im Schatten – der Regen setzt bekanntlich erst beim Zeltaufbau ein – die Grenzen seines alten Renault Clio auszuloten und den atompilzartigen Wolken zuzusehen, die aus dem Motorraum in den Himmel steigen. Immerhin: Man lernt im Stau die Einwohner des Ortes kennen, die auf den Bürgersteigen flanieren und neugierig in jeden Wagen schauen. Sie sind froh, wenn man die Sachen, die man vergessen hat, zu überteuerten Preisen in der örtlichen Tankstelle erwirbt. Brandenburg darf sich also wieder freuen.

Die Ankunft

An der Zufahrt unterscheiden sich Profis von Amateuren, die vorher nicht die Festivalordnung studiert haben. Es ist ärgerlich, wenn einem die zehn Kästen Bier von den freundlichen, sehr großen Herren mit den sehr kurzen Haaren am Einlass abgenommen werden, weil nur Tetrapacks erlaubt sind. Kein Grund zur Panik: Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben (ja, wirklich!) – oder das ganze Bier vor dem Festivalgelände austrinken. Die meisten entscheiden sich für die zweite Variante. Wo das Auto geparkt wird, ist Geschmackssache, aber es sind schon große Lieben kaputt gegangen, weil der Fußweg vom Konzertgelände bis zum Wagen fünf Kilometer lang war. Der entscheidende Moment für ein gelungenes Wochenende ist die Platzwahl für das Zelt. Wer auf Brandlöcher und Uringeruch steht oder glaubt, dass er zu viele Heringe hat, muss sein Zelt direkt am Weg, an einem Zaun oder unter einem Baum aufstellen. Routinierte Campingfreunde bauen ihre Behausungen dagegen in Kreisform auf (so, dass die Eingangsluken in die Mitte zeigen) und spannen die Strippen auf Hüfthöhe – so kann definitiv kein Weg entstehen.

Der Tag

Um den Tag gut zu überstehen, bedarf es einer logistischen Meisterleistung. Bei einer warmen Cola werden über dem Lineup die Eckpunkte bestimmt: 14.30 Uhr „Cool kids of death“, 15.10 Uhr ein Bier, 15.15 Uhr „Element of crime“, 17 Uhr „Millencolin“, 18.30 Uhr Essen und ein Bier, 18 Uhr 45 Treffpunkt Toilette. Für Klobesuche gilt: Sie werden zu zweit geplant und umgesetzt – einer geht rein, einer steht Wache. Denn die Geschichten von umgekippten Dixi-Toiletten und den daraus resultierenden Unannehmlichkeiten für die Insassen sind keine Legenden. Der Festival-Surviver (meist ein Mann über 30) betrinkt sich am frühen Morgen mit harten Alkoholika, verschlingt zwei Nackensteaks und geht schlafen, ohne eine einzige Band gesehen zu haben. Die Sportler spielen Fußball und probieren es ohne Schuhe – allerdings nur einmal und nie wieder in der Nähe eines Baumes. Ach ja, die Musik: Als Szenekenner kann man sich beweisen, wenn man sich fünf Minuten nach Konzertbeginn der heißesten Band des Wochenendes mit siebentausend anderen Szenekennern am Eingang drängelt und so den Auftritt verpasst. Die Streber sind schon eine halbe Stunde vorher losgelaufen und haben sich am Nachmittag auch jene Gruppen angeschaut, die bislang nur in Jugendfreizeitheimen der Provinz Gehör fanden. Aber: In zwei Jahren hört diese Bands jeder.

Die Mädchen

Es gibt erfahrungsgemäß wenig Single- Mädchen auf Festivals. Man erkennt sie daran, dass sie immer ein bisschen verängstigt aussehen und frieren. Sie würden alles, wirklich alles für einen Pullover tun. Oder einen Kaugummi. Oder eine Flasche Volvic, in der auch wirklich Volvic drin ist. Oder jemanden, mit dem sie knutschen können, wenn 2Raumwohnung auftritt.

Die Nacht

Die Zeit der Schnorrer ist angebrochen. Bier, Kohle, Blättchen – hier zeigt sich, wer später mal erfolgreicher Einzelhandelskaufmann wird. Angehende Sozialarbeiter teilen dagegen alles, sogar das letzte trockene Paar Socken. Die Bands spielen bis zum späten Abend, in Luckau werden das am Samstag die Sportfreunde Stiller, Sick of it all und 2Raumwohnung sein. Ein schönes offenes Feuer vertreibt zwar die Kälte, lockt aber lästige Securityleute oder Feuerwehrmänner an. Die meisten wollen auch in der Nacht nicht auf eine ansprechende Soundkulisse verzichten und sind deshalb froh, dass ihre Zelte direkt neben einer Wohnwagenkolonie stehen, aus deren Mitte eine Totenkopfflagge emporragt. Man schläft einfach besser, wenn morgens der Sound eines Notstromaggregats ins Zelt dringt.

Die Abfahrt

Festivalveranstalter finden viele Menschen prima – und zwar genau bis zum Mittag des Abreisetages. Jetzt macht es sich bezahlt, dass der Fahrer am Abend zuvor nüchtern geblieben ist, das behauptet er jedenfalls. Der Abbau ist leichter als der Aufbau: Drei Viertel des Zeltinhalts werden weggeschmissen, der Rest ist kein Müll und kommt in den Kofferraum. Bei einem so schönen Städtchen wie Luckau empfiehlt es sich, wie alle anderen um zwölf Uhr aufzubrechen, weil man auf dem Anreisestau noch nicht alle Sehenswürdigkeiten entdeckt hat – den Markt, die Gässchen, die alte Stadtmauer, den Schlossberg, den Stadtpark. Bis im nächsten Jahr!

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