Werbinich : „Mädchen brauchen kein Abitur“

Das hörte unsere Leserin Ute Schneider von ihrer Mutter – und kämpfte um ihre Bildung

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In der siebten Klasse Realschule geschah, was in unserem unflexiblen Schulsystem nicht vorgesehen ist: Meine Leistungen veränderten sich. Aus einer leidlich guten Schülerin wurde eine besonders gute. Mein Klassenlehrer, Herr Peters, sprach mit meinen Eltern und legte den Wechsel auf das Gymnasium nahe. Es wäre schade, wenn meine Begabung nicht gefördert würde.

Ich war sofort einverstanden, der Wechsel verhieß den Zugang zum „Schlaraffenland“ des Wissens, das vorher nur eingeschränkt zugänglich war. Ich war ein Mädchen, für das die Realschule reichte, meinte meine Mutter. Aber mein Vater entschied, seiner Empfehlung zu folgen. Er hatte selbst das Gymnasium besuchen wollen, doch mein Großvater „vergaß“ zwei Jahre lang, ihn anzumelden. Er wollte wohl nicht, dass sein Sohn den Drang zum Höheren entwickelte. Er brauchte einen Nachfolger in seinem kunsthandwerklichen Betrieb, zu viel „Intelligenz“ störte da.

So kam ich auf die Hermann- Hesse-Schule in Kreuzberg. Es kristallisierte sich immer stärker heraus, was mich am meisten interessierte: Lesen und Malen. Das tat ich auch leidenschaftlich am Nachmittag. Ich wollte Kunst studieren und fand wieder einen Lehrer, der mich förderte. Er bereitete mich auf die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für bildende Künste vor.

Das hieß damals vor allem „akademisches“ Zeichnen: Porträts, Tiere, Architektur und Akte. Und so zeichnete ich in den Kunststunden in einem Abstellraum meine Mitschüler, an den Nachmittagen meine Umgebung und im Berliner Zoo und in der Volkshochschule nackte Männer und Frauen, wobei ich mir sehr erwachsen vorkam.

Ich hätte die Aufnahmeprüfung an der Kunstschule wohl bestanden, aber kurz vor meinem 18. Geburtstag starb mein Vater. Damit veränderte sich alles. Meine Mutter fand das Abitur für Mädchen immer noch überflüssig und wollte mich von der Schule nehmen. Der Protest der Lehrer half nichts. Ich ging zum Jugendamt und erfuhr, dass meine Mutter mir das Abitur kurz vor dem Ende der 12. Klasse nicht mehr nehmen konnte. Ich hätte in ein Jugendheim ziehen und weiter zur Schule gehen können.

Nach dieser Mitteilung lenkte meine Mutter schließlich ein, und ich machte das Abitur. Den nächsten Kampf aber verlor ich. Weil ich immer noch zur Kunsthochschule wollte, zerriss meine Mutter meine Bewerbungsmappe mit allen Arbeiten in tausend kleine Stücke an dem Tag, an dem ich nach dem Abitur meine Bücher in der Schule zurückgegeben hatte. Da ich noch nicht volljährig war, zwang mir meine Mutter eine Banklehre auf, aus der ich mich habe hinauswerfen lassen. Wenn schon nicht auf die Kunsthochschule, dann wenigstens zum Film. Ich wurde Cutterin und habe mir einige Jahre später mein Studium der Germanistik und Politologie mit diesem Beruf selbst verdienen können. Wieder malen konnte ich erst dreißig Jahre später und habe als Erstes meine „Mappe“ neu hergestellt.

In der Hermann-Hesse-Schule war ich noch ein einziges Mal, als ich die Bestätigung brauchte, sie 13 Schuljahre besucht zu haben. Mit dem Blick auf die Stufen und Gänge wurde die Schulzeit wieder lebendig, und ich konnte mich gut daran erinnern, dass ich oft in den Pausen aus dem Klassenfenster sah, über die kleine Welt des Schulhofes hinweg nach draußen in die weite, ferne Welt.

Ute Schneider ist 58 Jahre alt und arbeitet als Publizistin in Hamburg.

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