Werbinich : Mädchen der Tat

Keine Angst vor technischen Berufen! Das will der Girls’ Day sagen. Unsere Autorin hat sich umgeschaut

Johanna Lühr

„Soll ich ein bisschen Rambazamba machen, Chef?“, der Lehrling fragt zum dritten Mal, der Chef nickt endlich. „Also, die Jungs wollen euch mal ihr Lauflicht zeigen!“ An der Wand springt ein Licht nach dem anderen an, am Ende heult eine Sirene. Die Mädels gucken. „Ähm, vielleicht solltet ihr vorher das Licht ausmachen, dann sieht man besser.“

Girls’ Day in Deutschland. Das heißt, ein Tag schulfrei für Mädchen ab der fünften Klasse, um technische Berufe kennen zu lernen. Gestern konnten sie dafür Unternehmen, Forschungszentren und Hochschulen in ganz Deutschland besuchen. Und auch in Berlin gab es Berufsorientierung speziell für Frauen.

Lichtenberg also, Autowerkstatt neben Elektroladen, Bus-Endstation im Gewerbegebiet. „Qualifizierungsgesellschaft für Energie- und Umwelttechnik“ heißt das Unternehmen, Elektroniker für Betriebstechnik werden hier ausgebildet. Und heute können sich das die Mädchen mal angucken. Neun sind gekommen, aus der achten Klasse eines Gymnasiums in Reinickendorf. Sie sitzen jetzt an den weißen Tischen, die Rucksäcke auf dem Boden, Gesichter auf die Hände gestützt. Vorne wird gerade ein Fahrstuhl erklärt.

Rundgang. Die Mädels gehen los. Wieso seid ihr hier? „Weil man nicht anrufen musste“, sagt die eine, Ekaterina, 14, Jeans, Turnschuhe, Glitzerohrringe. Nur auf „Anmelden“ musste man auf der Internetseite drücken, so sind sie hier gelandet. Zufall plus schulfrei, aber es kann ja ganz gut werden, meint das Mädchen.

Erster Werkstattraum, ein paar Jungs sitzen vor ihren Heften, Prüfungsvorbereitung. Heute sind nur Männer hier, entschuldigt die Lehrerin. „Nicht nur!“, sagt der eine und zeigt auf seinen Nachbarn. Verlegenes Gegröle im Klassenraum. Die Lehrerin lässt sich nicht stören. Es sei ein Ausbildungsberuf mit Zukunft, Elektrotechniker werden überall gebraucht. Ob es denn Spaß mache, will ein Mädchen wissen. „Teilweise“, meint einer der Jungs ohne sich mit seinem Stuhl umzudrehen, sein Kollege lacht und friemelt an einem Mars herum. „Na also, hier hätte ich keinen Bock zu arbeiten“, sagt Ekaterina, „ist eh viel zu weit draußen“.

Wieso im Himmel brauchen wir einen Girls’ Day? Mädchen haben die besseren Noten in der Schule, sind selbstbewusst, und an der Uni machen sie die Hälfte der Studierenden aus. Unterschiede nur bei der Fächerwahl.

Da studieren Frauen Sozial- Gesundheitswissenschaften oder Pädagogik, und Männer schreiben sich für Mathematik, Physik und Ingenieurwissenschaften oder Informatik ein. Trennung auch bei der Ausbildung: Frauen werden am liebsten Arzthelferinnen und Friseuse, Elektriker, Dachdecker, Malermeister sind immer noch Männerberufe. Hielt man sie doch für verschwunden, im Beruf gibt es sie immer noch: die klassische Rollenverteilung.

Was schwerer wiegt ist die finanzielle Verteilung. In Deutschland kriegt eine Frau durchschnittlich 21 Prozent weniger Gehalt als ein Mann. Das muss nicht so sein, in den USA und Skandinavien gibt es fast keinen Unterschied.

Eigentlich ginge es ihr vor allem um das Geld, sagt Ekaterina auf dem Weg zum nächsten Werkstattraum, immer noch im fernen Lichtenberg. Sie wollte auf jeden Fall mal Familie haben, und dafür brauche man nun mal Geld. Was für ein Beruf das genau sein soll, weiß sie noch nicht. Früher wollte sie mal Jura studieren, aber ihre Freundin Ivana habe ihr abgeraten. Stimmt, sagt Ivana, die neben ihr geht, ihre Tante mache das und die hocke immer nur drinnen und lerne. Es sei ziemlich furchtbar. „Wie viel verdient man denn als Journalistin?“, fragt Ekaterina. Sehr begeistern tut sie die Antwort scheinbar nicht.

Nächster Raum, diesmal Jungs vor Schaltbrettern. Jede solle sich einen der Lehrlinge aussuchen und über die Schulter schauen, sagt der Ausbilder. Gekicher, aber nur ein kleines bisschen.

Jede bekommt ein Kabel zum Abisolieren in die Hand. Mit einer Zange sollen sie die Plastikhülle am Kabelende wegknipsen. „Du musst drücken wie ein Mann!“, sagt der eine, „Mann oder Manuela“, kommt es prompt von der Seite. „Wenn es pumpt, hat er Durchgang“, versucht eine Reihe weiter vorne ein Lehrling den Strom zu erklären. Und zum Lehrer: „Hab’ ich das gut gesagt?“.

Zwanzig Auszubildende gibt es pro Werkstatt, im Schnitt sind zwei Frauen darunter. Tendenz steigend. Eigentlich mache man hier alles, was mit Metall und Elektrik zu tun hat, von Tätowiermaschinen bis zum Teilchenbeschleuniger. Die Mädchen seien in der Regel zielstrebiger und meistens ein bisschen schlauer, sagt er, „die Kerle sind viel verspielter“.

Schluss mit Kabelgeknipse, die Gruppe zieht weiter. Immer das Gleiche zu machen, sei bestimmt nervig auf die Dauer, meint ein Mädchen. Aber das sei ja mit allem so. Ihre Mutter wolle sowieso unbedingt, dass sie studiere, sagt die andere. Warum auch nicht, die dritte. „Karrierefrau“ will trotzdem keine von ihnen werden. „Das klingt eher so nach keinem Mann“. Also nicht so positiv.

Darüber hätten sich die Initiatoren nicht so gefreut. Im Jahr 2001 fand der erste „Girls’ Day – Mädchen-Zukunftstag“ in Deutschland statt. Vorbild war der amerikanische „Take-Our-Daughters -to-Work-Day“, an dem Eltern ihren Töchter ihren Arbeitsplatz zeigten. Auch die Zeitschrift „Emma“ und Alice Schwarzer unterstützen die Initiative, ihre Namen allerdings kennen die Mädchen nicht.

Zur Eröffnung des Girls’ Day, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Mädchen alles genauso gut wie Jungen können. Und dann erzählte sie, wie die Jungs bei den physikalischen Experimenten immer zuerst die Geräte belegt hätten. Heute ist sie promovierte Physikern und Kanzlerin. „Aber ich glaub’, die hat auch keinen Mann“, meint Ekaterina. Sie irrt.

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