Werbinich : Mädchenzimmer

Wohnt ihr noch – oder lebt ihr schon? Fünf junge Berlinerinnen zeigen ihr Zuhause.

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Früher waren Berliner Mädchenzimmer kleine Räume, in denen sich die Hausmädchen von reichen Leuten von ihren Strapazen erholt haben. Heute sind Berliner Mädchenzimmer meistens bunt angemalt, manche haben einen Schminktisch, Lichterketten, einen Ofen oder ein extrabreites Bett. Sicher, Ikeas „Billy“ spielt fast in jedem kleinen Zimmer eine große Rolle. Aber sein Zimmer selbst zu gestalten, heißt irgendwie auch, sich selbst zu gestalten. Hervorzuheben, was einem wichtig ist und den ganzen Schrott aus vergangenen Zeiten endlich rauszuschmeißen. Manche lassen nicht gerne andere Leute in ihr Zimmer, weil es geschwätzig ist – es plaudert ganz schön viel aus über einen selbst. Was verwahrt man, was kann man ganz plötzlich nicht mehr ertragen, wo knutscht man heimlich mit dem besten Freund des Freundes oder probiert die bescheuertsten Schminktipps aus Magazinen aus?

Mädchen sind begabte Handwerkerinnen. Aber oft gibt es Jungs, die das nicht mit ansehen können. Für die Elektrik und die Bohrarbeiten ist zuerst der Papa zuständig, in der ersten eigenen Wohnung wird Papa vom Freund abgelöst. Wie soll man auch sonst ohne Leiter an die Altbaudecke kommen, um die Glühbirne auszuwechseln! Und wenn Mama in die erste eigene Wohnung zu Besuch kommt, wird ihr vorgerechnet: 16 Scheiben an einem einzigen Altbaufenster! Die kann doch niemand ernsthaft vollkommen streifenfrei putzen!

Viel Gefühl ist mit dem Zimmer verbunden – „Dielen abschleifen ist ein gutes Mittel, sich die neue Wohnung ans Herz zu nähen“, schreibt zum Beispiel A. Schulze. „Diese Dielen habe ich abgeschliffen!“ Aber das beste am eigenen Zimmer ist: Es hat eine stabile Tür. Die kann man zuschlagen oder abschließen oder öffnen oder sperrangelweit offen stehen lassen, je nachdem.

Das auf dem Foto oben ist Karolina Camer in ihrem Kreuzberger Zimmer. „Schön zu wissen, dass ich hier leben kann“, sagt sie. Zwischen überlebensgroßem Stofftier und Kohleofen, Bücherregal und Kerzen, mit Blick auf den Hinterhof. Im Winter ist es kalt und zugig in Karolinas Zimmer. Aber was macht das schon.

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