Werbinich : „Mama war heroinsüchtig“

Wie ist das, mit einer drogenabhängigen Mutter aufzuwachsen? Soul-Sängerin Ayo., 26, hat uns ihre Geschichte erzählt

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Ayo, beginnen wir mit Ihrem Namen …

… okay, dann ist eines wichtig: Wenn Sie das Gespräch hier aufschreiben, müssen Sie nach „Ayo.“ unbedingt einen Punkt setzen, immer.

Warum das?

Ohne würde ich Zwiebel heißen.

Und was heißt „Ayo“ mit Punkt?

Mein Vater ist gebürtiger Nigerianer, und „Ayo.“ bedeutet in dessen Yoruba-Sprache so viel wie „Freude“. Das passt. Ich soll als Baby auch nie geweint haben. In meinem Pass aber …

… ja, was steht da?

In meinem Pass steht Joy Olasomibo Ogunmakin. Das sind zwei Yoruba-Namen – und Joy, als englischer Name. Mein Vater hat schon immer zu mir gesagt: „Wenn du mal berühmt wirst, nennst du dich einfach Ayo. Joy geht nicht.“ Natürlich ist das ein toller Name. Aber es gibt halt Joy Denalane, und die macht ja auch Musik.

Gut, bleiben wir bei „Ayo.“, mit Punkt. Ihr Debutalbum „Joyful“, das Anfang des Jahres in Deutschland erscheint, wurde in Frankreich mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Auch privat geht es Ihnen gut: Sie leben in Paris, sind glücklich mit Ihrem Freund Patrice und gerade Mutter geworden. Und doch gibt es eine weitere Geschichte – die von ihrer Mutter.

Ja. Ich war fünf Jahre alt, als meine Mutter heroinabhängig wurde. Irgendwie gehörte das zu meinem Alltag. Mir war klar, dass es nichts Gutes war, aber ich durfte mit niemandem darüber reden. Ich habe also früh gelernt zu lügen, weil ich immer eine gute Geschichte parat haben musste, um die Drogensucht meiner Mutter zu kaschieren. Trotzdem war sie mir immer sehr nah. Meine Mutter war für mich eine Art Superheldin. Auch in ihrem Drogenrausch hat sie immer versucht, eine gute Mutter zu sein.

Wie muss man sich das vorstellen? Sie konnten dann doch nie Freunde mit nach Hause bringen, oder?

Nee, ich habe mich für meine Mutter geschämt. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, da dachte ich: Wenn ich es erzähle, werde ich automatisch auch zum Junkie.

Also haben Sie den Mund gehalten.

Ja, leider, es wäre so befreiend gewesen, hätte ich es einfach nur erzählen können. Egal wem. Es gab Momente, in denen ich keinen Sinn mehr darin gesehen habe zu leben. Ich dachte: Wie gerne würde ich den ganzen Tag einfach nur schlafen!

Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrer Mutter?

Obwohl sie mich so oft enttäuscht hat, liebe ich meine Mama. Meine Familie ist eine schöne Familie – in ihrer ganzen Unperfektheit.

In Ihrem Song „Without You“ erzählen Sie die Geschichte Ihres Vaters, wie er in den 70er Jahren von Afrika nach Deutschland auswanderte.

Mein Papa kam eigentlich zum Studieren nach Deutschland. Dann musste er vier Kinder großziehen und zusehen, wie seine Frau drogenabhängig wurde. Er musste von Anfang an kämpfen – um seine Existenz, unsere Existenz, und das Leben seiner Frau. Dann kam eines Tages das Jugendamt und hat uns ihm praktisch aus den Armen gerissen und ins Kinderdorf gebracht. Er hat jahrelang kämpfen müssen, um uns zurückzubekommen. Stellen Sie sich seine Situation doch mal vor: Sie sind in einem fremden Land, ihre Frau wird drogenabhängig und ihre Kinder müssen ins Heim.

Und wie ist es, selbst Mutter zu sein?

Das klingt verrückt, weil für die meisten jungen Mütter der Stress mit einem Kind erst richtig losgeht, aber: Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich so richtig zur Ruhe. Ich wohne mit Patrice in Paris, wo wir uns besser um die Erziehung von Nile kümmern können.

So heißt Ihr Sohn.

Er wächst dreisprachig auf: Französisch, Deutsch, Englisch. Ich hoffe, mein Vater bringt ihm die afrikanische Sprache bei.

Welchen Einfluss haben all die Erlebnisse aus Ihrer Kindheit auf Ihre Musik?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Manche Musiker haben ja die Gabe, sich Geschichten auszudenken und sie so zu singen, als hätten sie das alles tatsächlich erlebt. Ich kann das nicht. Musik ist für mich auch mehr Selbsttherapie als Selbstverwirklichung. Andere gehen zum Psychiater – ich rede mit meiner Gitarre.

Dann ist die Gitarre Ihr bester Freund.

Nein. Die Gitarre war mein einziger Freund. Als ich nach London ging, hatte ich nichts dabei, außer einer kleinen Tasche und der Gitarre. Den Rest habe ich verschenkt.

Warum das?

Mir war es wichtig, komplett loszulassen. Wenn du alleine bist, fängst du plötzlich an, über Dinge nachzudenken, die du vorher nicht wahrgenommen hast. Ich habe auch nie gejobbt, sondern wirklich immer nur mit meiner Gitarre irgendwo gesessen und gesungen.

Aber da verdient man doch so wenig Geld.

Natürlich war das hart, aber ich finde, jeder sollte nach dem Abitur oder dem Studium eine gewisse Zeit alleine sein, um seine Persönlichkeit zu entdecken.

Sie haben in London gelebt – und die Stadt ist nun wirklich alles andere als preiswert.

Ich habe jeden Monat woanders geschlafen. Zum Schluss im Norden Londons, in Turnpike Lane. Das war nicht so schön, ein ziemlich heruntergekommenes Viertel. Da wurde ständig eingebrochen.

Bei Ihnen auch?

Nein, aber ich musste da in einer Nacht- und Nebelaktion flüchten, weil ich zu spät merkte, dass dieser Typ, bei dem ich wohnte, ein ziemliches Drogenproblem hatte und plötzlich durchdrehte. Egal. In welcher Stadt ich auch war, immer hatte ich das Gefühl, hier muss ich weg. Bis ich in Paris ankam.

Das Gespräch führte Lars Amend

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