Mauerfall : Was war noch mal die DDR?

Bei „Reporter89“ schreiben Nachwuchsjournalisten über die Wende, die sie nur aus Erzählungen kennen

Daniel Stender
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Zu jung fürs Erinnern. Mittlerweile muss man Ende 20 sein, um den Mauerfall noch bewusst erlebt zu haben.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, war Mimoza Troni gerade ein Jahr alt. Was für viele Ältere noch nicht so lange her zu sein scheint, ist für die heute 21-Jährige das ganze Leben. Für Mimoza ist es nicht selbstverständlich, dass Nena aus dem Westen und Nina Hagen aus dem Osten kommt, obwohl sie so ähnliche Namen haben. Für sie riecht die DDR auch nicht mehr nach DDR, nach dieser Mischung aus Desinfektionsmittel und Plastik. „Keine Ahnung“, sagt sie – wie soll ein Land auch riechen?!

Mimoza Troni beschäftigt sich trotzdem intensiv mit der Wendezeit. Sie arbeitet neben dem Studium für „Reporter89“: ein Projekt, bei dem Nachwuchsjournalisten aus Ostdeutschland mit Zeitzeugen über Ereignisse des Jahres 1989 sprechen. Auf der Seite www.reporter89.de kann man die Texte nachlesen. Über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, die Gewerkschaftsbewegung in Polen. Über die Mahnwachen in der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg. Mehr als 40 Journalisten schreiben für das Projekt, das von der „Stiftung demokratische Jugend“ organisiert und von der Bundesregierung gefördert wird.

Pro veröffentlichtem Artikel bekommen die Teilnehmer 40 Euro – aber die Reporter schreiben ihre Texte nicht, um Geld zu verdienen. „Viele machen mit, weil sie in ihrer eigenen Familiengeschichte plötzlich Berührungspunkte mit der Wende entdecken, Themen, über die sonst niemand spricht“, sagt Jana Kellermann, die das Projekt leitet.

Für Mimoza Troni ist die Wende ein Thema, das nicht am Familientisch diskutiert wird. Die Beschäftigung mit Geschichte selbst aber ist für sie ein Lebensthema – schließlich flohen sie und ihre Eltern in den neunziger Jahren vor den Serben aus dem Kosovo nach Deutschland. Insofern ist sie Reporterin und Zeitzeugin zugleich, ihr Interesse an Reporter89 erklärt sich auch aus dieser ganz persönlichen Familiengeschichte.

Einer von Mimozas Gesprächspartnern ist Stephan Hilsberg, der heute Abgeordneter der SPD im Bundestag ist. Als Oppositioneller half er im Mai 1989, den Wahlbetrug der SED aufzudecken. Irgendwann im Frühjahr 1988, erinnert sich Hilsberg, hatte er einfach genug. Lange hatte er versucht, in der DDR eine Nische für sich zu finden, hatte versucht, sein Leben so zu leben wie viele andere damals – kompromissbereit, privat, zurückgezogen. Weil er nicht studieren durfte, wurde er „Facharbeiter für Datenverarbeitung“. Nebenbei machte er Musik und kam viel im Land herum. Aber irgendwann reichte das nicht mehr. „Irgendwann war die Musik zu Ende. Die Wut übergroß, das Fass war voll“, sagt Hilsberg heute beim Gespräch mit Mimoza.

Damals hätte er sicher nicht gedacht, dass ihn seine Systemverweigerung einmal in den Bundestag führen sollte. Und noch viel weniger hätte er gedacht, dass er für jemanden wie Mimoza ein Zeitzeuge, eine Verkörperung von Geschichte sein würde. Wobei der Geschichtsbegriff, für den Hilsberg steht, immer noch recht inoffiziell daherkommt: In Sandalen und Polohemd, mit verwuscheltem Haar wirkt der 53-Jährige jugendlich. Und doch, wenn er mit Mimoza Troni über die gefälschte Kommunalwahl in der DDR spricht, dann scheint alles historisch zu sein.

Mimoza Troni studiert Geschichte in Potsdam – vieles, was Hilsberg erklärt, weiß sie schon. Das mit den Wahlen zum Beispiel. Die Ja-Stimmen wurden einfach gefaltet und in die Urne gesteckt. Wer dagegen stimmen wollte, musste also vor den Augen der Wahlhelfer in die Kabine gehen – geheime Wahlen sehen anders aus. Hilsberg erinnert sich, dass es bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 um typische DDR-Themen gegangen sei: Weltfrieden und Sozialismus. Nicht um kommunale Themen wie Kindergarten oder Straßenbau. Hilsberg selbst hat nicht gewählt – wozu auch? „Ich war schon immer überzeugt, dass alles gefälscht war“, sagt Hilsberg und zitiert Walter Ulbricht: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Genau das haben er und andere Bürgerrechtler durch ihre Wahlbeobachtung bestätigt: Die 98,85 Prozent für die SED konnten nur gefälscht sein. Mit den Protesten gegen die Wahlfälschung begann der Anfang vom Ende der DDR.

Aber so ganz vorbei ist die DDR für viele Menschen auch heute noch nicht, weiß Mimoza Troni. Ihre Familie wohnt in Hohenschönhausen. Früher stand hier das Stasigefängnis, viele der ehemaligen Beamten wohnen in dem Bezirk. „Viele stehen noch hinter diesem System. Sie stellen ihre persönlichen positiven Erfahrungen vor alle anderen Kriterien“, sagt Mimoza. Auch viele Jugendliche würden die DDR und damit die Biografien der eigenen Eltern verteidigen, sagt sie.

Für Reporter89 spricht Mimoza Troni auch mit Zeitzeugen, die in der DDR Karriere gemacht haben, zum Beispiel mit einem Offizier, der mit dem Gewehr in der Hand die Mauer bewachte. „Würde man nicht glauben“, sagt sie. „Der wirkt ganz anders. Wie ein Philosoph, ein Künstler.“ Sie sagt, sie wolle verstehen und nicht verurteilen, schließlich ist sie Journalistin.

Vielleicht ist es aber auch so, dass die Gegensätze zwischen Ost und West für sie nicht mehr präsent sind, sondern eben schon historisch. Neulich ging sie mit einer Freundin, die zu Besuch in Berlin war, über die Warschauer Brücke. Die Freundin fragte, ob sie im Osten oder im Westen seien. Mimoza war sich plötzlich nicht ganz sicher: „Keine Ahnung. Ich wusste es nicht mehr – es hätte auch im Westen sein können. Manchmal merkt man das alles gar nicht.“

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