• Mehr Förderung von Anfang an Bessere Kitas, frühere Schulpflicht, mehr Kontrolle: Welche Lehren Berlin aus Pisa gezogen hat

Werbinich : Mehr Förderung von Anfang an Bessere Kitas, frühere Schulpflicht, mehr Kontrolle: Welche Lehren Berlin aus Pisa gezogen hat

Susanne Vieth-Entus

Haben sich die Fähigkeiten der Schüler seit „Pisa 2000“ verbessert? Anders als die anderen Bundesländer wird Berlin dies nie erfahren: Da sich beim ersten Pisa-Durchgang nicht genügend Schulen an dem Test beteiligt hatten, konnte das Ergebnis nur für Gymnasien und Realschulen gewertet werden. Ein Gesamtvergleich kam nicht zustande. Dennoch hat auch Berlin kaum eine der Reformen ausgelassen, die bundesweit seit Pisa umgesetzt wurden: Vom Ausbau der Ganztagsschulen bis hin zu Vergleichsarbeiten hat Berlin fast alles installiert, was eine Besserung der Bildungsmisere versprach.

Kitareform . Alle Kindertagesstätten müssen ihre Arbeit auf das so genannte Berliner Bildungsprogramm abstimmen. Dies bedeutet, dass unter anderem die Sprachförderung mehr in den Mittelpunkt rückt. Die Erzieher müssen für jedes Kind Sprachlerntagebücher führen.

Frühere Schulpflicht . Bislang sind Berlins Kinder im Schnitt sechs Jahre und acht Monate bei der Einschulung. Damit sind die 15-Jährigen, die bei Pisa getestet werden, meist erst in der 9. Klasse, international aber in der 10. Außerdem führt die späte Einschulung dazu, dass die Kinder in einer besonders aufnahmefähigen Lebensphase nicht gefördert werden. Als Konsequenz hat Berlin die Schulpflicht um ein halbes Jahr vorverlegt.

Sprachkurs . Alle Kinder werden mit fünf Jahren auf ihre Deutschkenntnisse hin getestet. Die Erzieher sollen die Testergebnisse nutzen, um die Kinder im letzten halben Jahr vor der Einschulung gezielter sprachlich zu fördern. Wer nicht in der Kita ist und schlecht Deutsch spricht, muss einen Sprachkurs belegen.

Vergleichsarbeiten . In den zweiten, vierten und zehnten Klassen werden Vergleichsarbeiten geschrieben. Damit soll sichergestellt werden, dass die Schulen erfahren, ob es ein Leistungsgefälle zwischen Parallelklassen oder auch im Landesvergleich gibt.

Weitere Neuerungen . Auch sonst hat Bildungssenator Klaus Böger (SPD) eine Menge in Gang gesetzt: Naturwissenschaftlicher Unterricht in den Grundschulen, eine zusätzliche Lesestunde für Zweitklässler, verlässliche Halbtagsgrundschulen, Hochbegabtenförderung und schließlich Ganztagsschulen.

Dennoch gab es auch gestern wieder Kritik: Der Landeselternausschuss vermisst bei den Ganztagsschulen ein „räumliches, finanzielles und pädagogisches Konzept“. CDU und FDP fordern eine Vorschulpflicht, damit die Kinder besser gerüstet eingeschult werden. Die Grünen bedauern, dass sich die Koalition nicht an eine neue Form der Gesamtschule herangewagt hat. Sie verweisen darauf, dass in keinem anderen Land der Welt die Schülerleistung dermaßen von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland. Als einen Grund sehen sie die frühe Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen, was die soziale Herkunft verfestige. Auch in der Berliner SPD werden Zweifel am gegliederten Schulsystem laut. Durchdringen konnten sie bisher nicht: Zu groß ist die Angst, dass eine Abschaffung der Schulformen so viel Kraft kostet, dass sie mehr Schaden als Nutzen bringt.

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