Werbinich : „Mehr Selbstständigkeit für die Schulen!“

Vor einem Jahr trat das neue Berliner Schulgesetz in Kraft – mit großen Erwartungen. Viel hat sich bisher aber nicht getan, meint Bildungspolitikerin Sybille Volkholz

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Vor einem Jahr ist das neue Schulgesetz in Kraft getreten. Sind die Schulen besser geworden?

Ein Jahr ist sicher zu kurz, um wesentliche Veränderungen beobachten zu können, zumal sich die Schulrealität nicht automatisch ändert, wenn ein Gesetz beschlossen wird. An vielen Schulen haben aber die neuen Freiräume und die Pflicht, ein Schulprogramm zu erarbeiten, dazu geführt, dass mehr über die pädagogische Arbeit und die Ziele der Schule gesprochen wird.

Eines der Hauptziele des Gesetzes ist die größere Eigenverantwortung der Schulen. Ist dieses Anliegen umgesetzt worden?

Den Schulen sind Befugnisse übertragen worden, darunter Personalentscheidungen. Das bringt praktisch aber nichts, wenn das Land kein Geld hat, um überhaupt jemanden einzustellen. Außerdem wird die Entscheidung über die Personalkosten viel zu zögerlich gehandhabt. Hier hat das Gesetz Grenzen. Die Schulen müssten wie Eigenbetriebe arbeiten können und zum Beispiel selbst entscheiden, ob sie einen weiteren Lehrer, einen Sozialpädagogen oder einen Psychologen einstellen. Mehr Selbstständigkeit für die Schulen! Auch müsste der Schulleiter eindeutig Vorgesetzter der Lehrer sein mit allen Rechten und Pflichten.

Haben die Politiker zu wenig Vertrauen in die Kompetenzen der Schulen?

Insgesamt herrscht in Berlin von allen Seiten eine Kultur des Misstrauens, die Verwaltung misstraut den Schulen, die Schulen misstrauen der Verwaltung.

Muss man das Schulgesetz nachbessern?

Man muss es jetzt erst mal realisieren. In einigen Jahren wäre es sinnvoll, die Stellung des Schulleiters zu stärken. Außerdem wäre es wichtig, die Arbeitsweise der Schulaufsicht zu ändern. Sie sollte weniger regeln und mehr die Ergebnisse kontrollieren.

Die Bildungsgewerkschaft GEW warnt davor, den Schulleitern zu viel Macht zu geben. Sind sie nicht gut genug?

Die GEW hängt an der Vorstellung, dass der Schulleiter primus inter pares ist, also im Prinzip den Kollegen gleichgestellt. Von dieser Vorstellung müssen wir uns bei selbstständigen Schulen, die für ihre Arbeit die Verantwortung übernehmen, verabschieden. Eine Schule zu leiten, ist eine Leitungsaufgabe. Dies habe auch ich erst lernen müssen.

Sie betreuen im Auftrag des Bildungssenators das Modellprojekt für eigenverantwortliche Schulen. Wie ist die Stimmung in Ihren Modellschulen ein Jahr nach dem Schulgesetz?

Das Modellvorhaben war geplant, um neue Spielräume zu erproben. Das können neue Lernfelder sein oder neue Verfahren der Leistungsbeurteilung. Hier sind die Schulen sicher zufrieden. Probleme gibt es, weil im Land Berlin ein Überhang an Lehrern existiert und die Schulen gezwungen sind, bei Neueinstellungen einen Lehrer von der Überhangliste zu nehmen – wenn sie überhaupt Geld für neue Pädagogen bekommen.

Die FDP wirbt für ein Gutscheinmodell: Jede Schule soll pro Schüler Geld vom Staat bekommen, den Rest regeln Wettbewerb und externe Qualitätskontrollen. Kommt das Ihrer Vorstellung von Schulautonomie näher?

Einen ähnlichen Vorschlag hat die Bildungskommission der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung gemacht, die ich fünf Jahre lang geleitet habe. In Schweden arbeiten einige Kommunen mit solchen Gutscheinen. Ich fände die Einführung in einer Modellregion wie Berlin sehr gut.

Was muss getan werden, damit Kinder aus Migrantenfamilien eine bessere Bildung bekommen? Brauchen wir eine Kitapflicht? Kleinere Klassen? Hier hilft das Schulgesetz offenbar nicht weiter.

Wichtiger als die Kitapflicht ist es, die Erzieherinnen so zu qualifizieren, dass sie diese Kinder gezielt fördern können. Die Kita muss sich verpflichten, dass Kinder beim Übergang in die Grundschule die deutsche Sprache beherrschen. Ebenso muss sich die Grundschule für die Sprach- und andere Basiskompetenzen verantwortlich fühlen. Wichtig dafür ist eine bessere Zusammenarbeit mit den Eltern. Wir brauchen zusätzliche Lernangebote für Kinder mit Migrationshintergrund, Lesepatenschaften, Samstagsunterricht, gemeinsame Lernnachmittage und -abende für Schüler und Eltern und Sommerschulen.

Sie waren vor 15 Jahren Schulsenatorin. Was würden Sie heute tun, wenn Sie wieder im Amt wären?

Ich würde die Eigenverantwortung auf jeder Ebene stärken. Ich würde werben für eine Kultur der positiven Erwartung: Dass jedes Kind lernen kann, jeder Lehrer seine Schüler fördern will und dass Schulleiter eine gute Schule leiten wollen. Man sollte auch davon ausgehen, dass die Schulverwaltung, die Schulaufsicht und die Politiker daran interessiert sind, gute Schulen im Land zu haben.

Wie könnte man das erreichen?

Mit Standards, die Kompetenzen festschreiben, ohne die keiner die Schule verlassen darf. Jede Ebene hat dafür die Verantwortung zu tragen. Weniger Rechtsvorschriften und mehr Anregungen. Eine selbstständige Schule braucht Lehrer, die den Arbeitsplatz in der Schule haben und den ganzen Tag zur Verfügung stehen. Zudem würde ich fördern, dass Schulen mehr mit außerschulischen Partnern kooperieren. Denn Berlin täte es gut, wenn sich mehr Menschen dafür verantwortlich fühlen, wie Kinder aufwachsen.

Das Interview führte Susanne

Vieth-Entus.

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