Mein Auslandsjahr : Ab auf die Sonnenseite - nach Australien!

Julius, 21, fliegt an andere Ende der Welt, um dort ein Jahr lang zu reisen und zu arbeiten. Der Aussteiger berichtet an dieser Stelle von seiner Rucksackreise.

Julius Wolf
Jugendliche in Australien
Sonnenschutzfaktor 120. Julius will braun werden wie diese Typen und, ja doch, wie ein Kerl arbeiten.Foto: dpa

Das Visum ist wichtig. Ohne das Visum kann ich nichts organisieren. Ich will für ein Jahr nach Australien. Dafür bräuchte ich einen Rucksack. Impfungen und eine Auslandskrankenversicherung. Nichts davon kann ich organisieren ohne zu wissen, ob ich überhaupt einreisen darf. Also renne ich jeden Tag zum Briefkasten. Aber die Bestätigung kommt nicht.

Als ich meinen Antrag auf ein einjähriges Work-and-Holiday-Visum gestellt habe, sagte man mir, ich müsste zwei oder drei Wochen warten, dann käme mein Reisepass per Einschreiben. Dumm nur, wenn man nach fünf Wochen in der Botschaft anruft und mitgeteilt bekommt, dass das Visum schon seit dem Tag bereitliegt, an dem ich den Antrag gestellt habe. Dumm auch, wenn man durch diese Verzögerung nur noch fünf Wochen Zeit für die restliche Planung hat. Aber jetzt ist das Visum da. Es kann losgehen.
 
Sohn, hast du eine Kreditkarte? Eine Krankenversicherung? Und ein Hotel?

Eigentlich müsste ich nur die Tasche packen und in den Flieger steigen. So hatte ich mir das anfangs gedacht. Aber plötzlich bekomme ich von allen Seiten Tipps und Ratschläge, was ich noch alles vorbereiten könnte, sollte, müsste: Eine Auslandskrankenversicherung. Eine Kreditkarte für Notfälle. Warum nicht schon von hier aus ein Jugendhotel und einen Job suchen? "Alles was du hier erledigst, macht es dir in Australien leichter."
 
Man kann wirklich alles von hier aus planen. Man könnte jeden Schritt, den man dort tut, von hier aus festlegen. Gibt es Verwandte oder Bekannte in Sydney, Melbourne, Darwin? Klar gibt es Bekannte von Bekannten von Bekannten. Ich habe sieben Adressen in sieben verschiedenen Städten. Wie reise ich? Trampe ich durch Australien, fahre ich mit dem Zug oder dem Überlandbus? Oder beherzige ich den Rat eines Bekannten eines Bekannten, mir ein Auto zu kaufen? Von hier aus oder doch lieber erst vor Ort? Man kann übers Internet sogar schon Freunde finden, bevor man überhaupt da ist. Aber will ich das? Wollte ich diesen Trip nicht machen, um mal was alleine auf die Reihe zu kriegen? Haben es unsere Eltern nicht auch so gemacht? Land ausgesucht, Rucksack gepackt, Daumen raus und los?

Der Traum von einem wilden Jahr wird duch den Wunsch nach Sicherheit eingegrenzt

Mein Vater hat meine Mutter kennengelernt, als er nach Italien getrampt und von dort mit dem Schiff nach Korsika gefahren ist. Das klingt doch eher nach Material für Geschichten. Wer beschreibt seine erste große Reise schon gerne mit den Attributen: Vorhersehbar, durchkalkuliert, risikofrei? Ich will nachher nicht sagen: "Ich habe nur in Hotels geschlafen und Bekannte von Bekannten besucht." Das will ich nicht.

Ich will nicht in gebuchten Hotelzimmern leben oder wissen, dass selbst, wenn was schiefgeht, in der nächsten Stadt irgendjemand ist, bei dem ich zur Not unterkommen könnte. Ich will im Zelt am Strand schlafen oder auf der Couch von irgendwelchen Leuten, die ich dort selber kennenlerne. Ich will ein Jahr wild und frei leben. Aber mit Versicherung. Und mit Kreditkarte. Ich will ja nicht, dass mir etwas Schlimmes passiert. Und jetzt hab ich es gesagt: Mein Traum von einem wilden Jahr in Australien wird durch meinen Wunsch nach Sicherheit eingegrenzt. Vielleicht hab ich zu lange behütet gelebt. Es ist Zeit auf einer australischen Farm harte Arbeit, harte Männerarbeit zu verrichten. In der glühenden Sonne Heu wenden. Zwölf Stunden am Stück Auberginen ernten. Aber bestimmt nicht ohne Hut und Sonnenschutzfaktor 120.

Endlich, das E-Ticket ist da - per Post

Bevor ich mich in schweißtreibende Arbeit stürzen kann, brauche ich erst mal mein Ticket. Drei Mal musste ich bei meinem Reisebüro den Termin schon zurücksetzen lassen. Alles wegen dieses blöden Visums. Dazu wurde das Ticket jedes Mal ein bisschen teurer. Aber jetzt gilt es. Ich hab das E-Ticket per Post bekommen. Mein Flug ist bezahlt. Bald geht es los: Um 16 Uhr 25 fliege ich. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Der Flug wird über London und Singapur nach Melbourne gehen. 26 Stunden Flug, sechsundzwanzig! Ich saß erst ein Mal und dabei nur halb so lang in einem Flugzeug. Und das war schon schrecklich. Und damals habe ich nicht geraucht. Vielleicht sollte ich mir Nikotinpflaster für den Flug besorgen.

Apotheke, Impfungen. Bin ich risikoscheu?

Ich muss sowieso noch zur Apotheke. Medikamente gegen Malaria kaufen, für den Fall, dass ich einen Abstecher nach Asien machen will. Einige meiner Impfungen müssen aufgefrischt werden. Ich plane schon wieder zu viel. Bin ich übervorsichtig? Bin ich risikoscheu? Oder bin das nur ich? Oder redet man mir diese Vorsichtigkeit nur ein? Immer wenn sich die Möglichkeit bietet, einem Risiko vorzubeugen, kommt jemand daher und sagt: "Kann ja nicht schaden." Aber es schadet dem Selbstvertrauen. Ich wollte diese Reise machen um selbstständiger zu werden. Ich wollte arbeiten, um Geld anzuhäufen für einen Trip in die Wüste und einen in den Urwald, Surfen lernen und einen Segeltörn machen. Und Tauchen wollte ich auch lernen. Am besten kaufe ich mir hier schon eine passende Taucherbrille. Haben die ja bestimmt in Australien nicht. Das Einzige, was ich weiß: Ich fliege in den Sommer.

Julius Wolf wird in den kommenden Monaten für uns regelmäßig aus Australien und von seiner Reise berichten. Seine Kolumne lest ihr auf www.tagesspiegel.de/werbinich

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