Werbinich : Mein erster Kuss

Nackte Fakten: Eine Frau und sieben Männer packen aus

Flora Wisdorff (31)

Es passierte im August. Vier Wochen lang wohnten wir mit befreundeten Familien in einem Dorf, steil am Felsenhang auf Korsika. Nichts als Hitze, Meer, schnorcheln, Eis essen. Ich war 13, und alles war irgendwie neu und anders. Schließlich hatten wir schon auf der Klassenfahrt im Mai „Tat oder Wahrheit“ gespielt – bloß nicht mit einem richtigen Kuss. In Marinca, dem korsischen Dorf, gab es aber Stéphane und Jean-François. Auch 13 Jahre alt, auch im Urlaub. Um die langen, lauen Abende interessanter zu machen, haben wir ihnen das neue Spiel beigebracht. Bei „Tat“ sollte es einen richtigen Kuss geben. Ich verschwand mit Jean-François in Richtung Dorfquelle. Mein Herz klopfte. Meine Freundin Annick und ich hatten ja vorher die Theorie genau besprochen, aber trotzdem, geheuer war mir das Ganze nicht. Wir haben es hinter uns gebracht. Die Grillen, der Sternenhimmel – das Umfeld war schon sehr romantisch. Der Kuss nicht.

Ich weiß nicht, ob die Krankenkasse heute noch Kuraufenthalte bezahlt für 13-Jährige, die an Heuschnupfen leiden. Früher war das jedenfalls so und ich war das erste Mal für sechs Wochen von zu Hause weg. Der Ort hieß Scheidegg und lag im Allgäu. In dieser Kinderkurklinik gab es jedenfalls auch Mädchen, und nach einiger Zeit waren die Mädchen das absolut interessanteste, das es geben konnte. Man schickte sich Zettelchen auf denen stand „Willst du mit mir gehen?“, es gab zwei Felder zum ankreuzen: JA und NEIN. Ulrike kreuzte JA an. Sie kam aus dem Ruhrgebiet, hatte glatte lange blonde Haare, und war schon 14. Nachts schlichen wir Jungs uns immer auf den Mädchenstock, ich huschte in ihr Zimmer und wir küssten uns. Das war aufregend. Tagsüber war das Küssen schon schwieriger. Das lag vor allem daran, dass Ulrike ungefähr ein Meter achtzig groß war – keine optimale Verbindung. Später schickte sie mir einen Zettel, auf dem stand, dass sie Schluss mache. Als ich fragte warum, antwortete sie: „Weil du immer nur küssen willst.“ Markus Grill (36)

Ich konnte nicht fliehen aus dieser Situation, ich schaffte es nicht einmal, kurz auszuweichen. Hinter mir stand die Waschmaschine meiner Mutter, vor mir stand ein Mädchen, das mich mit weit aufgerissenen Augen ansah. Sie war nicht albern wie sonst, sie war ganz ernst. Ich fühlte mich von ihr bedrängt. Langsam öffnete sie ihren Mund. Das Mädchen war meine Schwester. Wir hatten uns schon oft geküsst, auf die Wange, auf die Stirn oder auf den Bauch vor dem Schlafengehen. Wir waren auch immer zusammen in der Badewanne, im Urlaub tobten wir nackt am Strand von Bulgarien umher. Doch an diesem Nachmittag in der Küche war alles kein Spaß mehr. Sie sagte leise, sie wolle etwas ausprobieren, doch ehe ich antworten konnte, presste sie schon ihr Gesicht an mein Gesicht. Ihre Zunge schleckte um meinen Mund herum, ich wollte zurückweichen, versuchte, rückwärts auf die Waschmaschine zu klettern – aber sie war schneller. Wie alt ich war, weiß ich nicht mehr, vielleicht zehn. Und wie sich mein erster ernster Kuss angefühlt hat, habe ich auch vergessen. Ich weiß nur, dass ich Angst hatte. Robert Ide (29)

Es gibt nämlich Wunder! Wenn das attraktivste Mädchen der Schule sich für einen unansehnlichen, kleinen, bebrillten, schüchternen und noch dazu fast ein Jahr jüngeren Jungen interessiert, sind höhere Mächte im Spiel, eindeutig. Ich habe erst gar nicht kapiert, was sie meinte, als sie sagte: „Wir könnten doch mal am Rhein spazieren gehen und reden.“ Spazierengehen? Reden? Mein Gott, worüber denn? Okay, ich redete und redete und redete. Gleich hinter dem ersten Bootsschuppen ergriff sie die Initiative. Sie kannte sich generell gut aus. Küssen war für sie bloß mal ein Anfang. Ich dagegen war vollauf zufrieden. Das gefiel ihr irgendwie nicht. Ich war 14, und einer von den extrem leicht zufrieden zu stellenden Jungs. Ich dachte: „Jetzt ist Schul-Traumfrau Nummer eins meine erste Freundin.“ Am nächsten Samstag war Party. Als ich auf einer etwa 200 Quadratmeter großen Glückswolke einschwebte, lag sie in einer Kellerecke und knutschte mit einer 18-jährigen Sexualhormongranate kurz vor der Explosion. Sie hat später in Afrika gelebt, mit einer Art General von den UN. Sie hat Fallschirmspringen gelernt und vor dem 30. Geburtstag zwei Doktortitel gemacht. Sie war eindeutig der aktive Typ.

Harald Martenstein (50)

Theoretisch war ja alles klar. Augen zu, Lippen leicht öffnen. Eigentlich einfach. Üben kann man ja auch: Zeige- und Mittelfinger zusammenlegen und die Lippen darauf legen. Andererseits: Wie trifft man im Ernstfall eigentlich mit geschlossenen Augen ihren Mund – und nicht etwa ihr Ohr? Wie wird man vorher unauffällig den Kaugummi los? Es war in Südengland, Schüleraustausch. Zur Vorbereitung hatten wir den Film „Her mit den kleinen Engländerinnen“ gesehen, in dem es eigentlich nur um zwei Dinge ging. Das eine davon ist Tanzen. Aber Engländerinnen interessieren sich nicht für 16-jährige Sprachschüler aus Spandau. Blieben also nur die Sprachschülerinnen übrig. Meine kam aus Schöneberg und hatte Lippen wie Rosenblätter. Dumm nur, dass wir immer nur flipperten. Zwei Wochen lang verlor ich am Flipper. Weil ich auf ihre Lippen starrte. Was fehlte, war der Mut. Dann kam der letzte Abend. Alles war perfekt: Sonnenuntergang wie im Film. Niederschlagsfreie Sommernacht.

Wie ich im Dunkeln mit vorschriftsmäßig geschlossenen Augen ihren Mund getroffen habe? Das hat sie wohl übernommen. Plötzlich ging alles leicht. Warm strömte es von den Lippen bis tief in den Magen, weiter runter bis in die Fußspitzen und wieder zurück. Wir küssten uns am Strand, wir küssten uns beim Abschied, während der Heimreise und zu Hause. Wir küssten uns Tags in der Schule und auch nachts. Es dauerte Sekunden, Minuten, Tage und Wochen – ohne Unterbrechung. Wir küssten uns so lange, dass meine Lippen wochenlang taub waren. Mein Verstand auch. Als ich wieder zu mir kam, fiel mir der Zettel mit ihrer Nummer ein. Zwei Monate waren vergangen, in denen ich zu benebelt war, um sie anzurufen. Oder zu feige. Sie hat sich ehrlich gefreut – anders als ihr neuer Freund. Der Kuss hatte in Wahrheit übrigens nur Sekunden gedauert. Es war mein erster. Bodo Mrozek (35)

Von meinen ersten Kuss kann ich keine romantische Geschichte erzählen. Nicht einmal eine unromantische. Denn die Erinnerung daran ist weg wie mein erstes Matchbox-Auto (das im Übrigen ein metallic-grüner Straßenkreuzer war, zwei Türen zum Öffen und eine lenkbare Vorderachse besaß; der Nachbar meiner Tante, in dessen Haus es immer nach Zigarrenqualm roch, hatte es mir geschenkt). Je länger ich über meinen ersten Kuss nachgrüble, desto sicherer werde ich mir: Kein normaler Junge erinnert sich daran. Erster Sex? Als sei es gestern gewesen! Erster Kuss? Absolut überbewertet! Als ich in der Schule war, küssten nur Mädels. Voll eklig. Bevor es auf Klassenfahrt ging, haben die sogar vorher geübt. Miteinander! Und nur, damit sie uns Jungs beim Flaschendrehen in der Jugendherberge abschlecken konnten. So nehme ich an, dass der erste Kuss irgendwann auf einer Tour zwischen Groß Köris bei Berlin und Königstein bei Dresden über mich kam. Wer es war? Die Stämmige, die Kleine mit der dicken Brille oder die Frühreife mit der großen Oberweite? Ich will’s echt nicht wissen. Björn Seeling (36)

Zum ersten Mal richtig wild rumgeknutscht mit allem Drum und Dran habe ich am frühen Neujahrsmorgen 2000. Da war ich 18 – ziemlich spät, ich weiß. Sie hieß, äh, ehrlich gesagt habe ich ihren Namen vergessen. Näher kennen gelernt habe ich sie in einem oberbayerischen Dorf, wo ich mit meinen besten Freunden über Silvester die Ferienwohnung meiner Großeltern belagerte. Weil keiner fahren wollte, blieb uns nichts anderes übrig als mit der Dorfgemeinschaft in der Wandelhalle des Kurhauses zu feiern. Und plötzlich saß sie auf meinem Schoß und es ging los. Anscheinend konnten wir mit unserer Vorstädter-Aura in der Provinz punkten. Der nächste Tag begann nicht nur mit einem ausgewachsenen Kater am Morgen, sondern – als wäre das nicht genug – auch noch mit einem Schock: Mein nagelneues Handy war weg. Allmählich kam die Erinnerung zurück: Den Verlust hatte ich schon nachts im Kurhaus bemerkt und sofort einen der Typen aus dem Dorf verdächtigt, es geklaut zu haben, nachdem es wohl aus meiner Hosentasche gefallen war. Natürlich fand ich es nicht wieder, als ich den Boden im Kurhaus noch mal absuchte. Also fuhren wir zur Polizei und waren froh, dass wir nicht pusten mussten. Meine Freunde warteten draußen. Als ich wiederkam, hatte einer von ihnen sich vor einem einsamen Parkplatzbaum übergeben. Ein passenderes Schlussbild könnte diese Geschichte gar nicht habe. David Denk (23)

Einfach umwerfend. Einen Meter 88 groß, lange, rabenschwarze Haare, nachtblaue Augen und 15 Jahre. Mehr als umwerfend. Und unnahbar. Ich habe nie mit ihr getanzt im Tanzkurs. Wegen der 1,88. Weil ich nämlich 20 Zentimeter darunter bin. Mit so einer tanzt man nicht. Sähe doch albern aus. Da lachen ja die Hühner. Dann war da diese Party. Und eine über all den Köpfen. Ein Meter 88. Auf einmal saß sie auf einem Sofa. Und ich neben ihr. Es war ein nicht sehr heller Ort. Und dann, ach, fragt mich nicht, das ist lange her, was weiß ich denn noch davon. Aber an das Gefühl dabei und danach, daran erinnere ich mich noch genau, das kann ich heute noch spüren, wenn ich die Augen ganz fest zumache. Ich hatte auf diesem Sofa erfahren, wie sich Körpermaße verlieren. Ich war in die Welt der Großen aufgenommen.

Wolfgang

Prosinger

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