Mein SOMMER : Flöhe, Jungs und kichernde Mädels 1951

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„Jugend ist Trunkenheit ohne Wein“, spricht der Dichter, aber der Herr Goethe konnte ja uns nicht kennen, diese vaterlose Generation, die am Rockzipfel der Mutter hing, als sie aus der Heimat gejagt wurde kurz vor und nach Fünfundvierzig. Wenigstens uns später Geborenen waren Panzerfäuste und Durchhalteparolen erspart geblieben. Die Trunkenheit hatte also ihre Grenzen, das Sein bestimmte den Wein. Erst sechs Jahre zuvor war der Krieg zu Ende gegangen, viele Väter warteten in Kriegsgefangenenlagern auf ihre Freilassung, die Mütter mussten sich mit ihren Kindern durchschlagen, wir Berliner waren in einem kleinen Ort in der Altmark gelandet. Man ging zur Schule, erlebte, wie die arme Russischlehrerin Dr. Hippius („Hippi“) weinend die Klasse verließ, weil ihr einer zugerufen hatte: „Wenn es demnächst wieder anders kommt, sind Sie aber dran!“ Unser Chor war der größte Schulchor der DDR, fuhr mit Ludwig Teichert sogar zu Funkaufnahmen in die Masurenallee. Und es gab den Krieg FDJ gegen die Junge Gemeinde, nun gerade trugen wir trotzig das Kreuz auf der Kugel am Revers, das gab Ärger und Rausschmisse, Direktor Eckstein, ein alter SPD-Mann, schien machtlos und war traurig.

Aber im Jahre 1951, ich war 17, machte uns eine Nachricht regelrecht besoffen vor Freude: Wir fahren für eine Woche nach Plau am See! So weit weg, wie zum Nordpol. Man hatte uns zuliebe eine Schule ausgeräumt und mit Strohsäcken vollgestopft, fünf Nächte piekende Grannen, stichelnde Flöhe, müde Jungs und kichernde Mädchen. Nach 60 Jahren darf man ja vieles vergessen, aber ein wenig ist hängen geblieben wie Heu im Haar: Wie die Jungs um die Schönsten buhlten, wie manch einer die Muskeln spielen ließ, obwohl er so wenig auf den Knochen hatte wie alle anderen, denen eine fette Schmalzstulle wichtiger war als eine imposante Schmalztolle. Wer so nachkriegsbescheiden und total uncool erwachsen wurde, der freute sich über die kleinsten Dinge damals: rauschende Wälder, Schwimmen im See, Volkslieder zum knisternden Lagerfeuer. Ade nun, zur Guten Nacht – ohne Stöpsel im Ohr, ohne Designerklamottenwettstreit, ohne Nagellack und Wimperntusche. Es war so spartanisch wie mein Schnappschuss des Jahres: Mathe-Lehrer „Bobby“ Hofmann undercover. Wie sagt der Berliner am Ende? „War jut jewesen“ – trotz alledem.

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