Werbinich : Menschen, Matratzen, Katzen

„Wann könntest du einziehen?“ – Wie ein perfekter WG-Mitbewohner sein muss

Maxi Leinkauf

Eric hätte keine Chance gehabt. Er war nicht wie die anderen. Kein Italiener, kein deutscher Che Guevara und kein junger Mick Jagger. Er war nicht einmal ein Ossi. Noch vor wenigen Jahren wäre jemand wie er nie in die Nähe des freien Zimmers in meiner Wohnung in Prenzlauer Berg gekommen. Denn es gab nichts, was uns verband. Aber er stand vor der Tür und ich ließ ihn rein. Er war aus der Nähe von Bad Kreuznach. Eric sah sich meine Speisekammern an. Ungefragt. Er sagte: „Da kann man einiges draus machen.“ Jeder potenzielle Mitbewohner hatte das gesagt. Nie war etwas passiert. Eric kam mit meinem Werkzeugkoffer aus der Kammer. Ich hatte ihn nie benutzt. Meine Ex-Mitbewohner auch nicht. Mit einem gezielten Griff schnappte Eric den Koffer auf und sortierte die Werkzeuge. Dann sah er mich an und sagte: „So, jetzt können wir reden.“ Aber das mussten wir gar nicht mehr. Ich dachte an die Löcher in den Wänden und den tropfenden Hahn an meiner Waschmaschine. „Wann könntest du einziehen“, fragte ich ihn. Irgendetwas war mit mir geschehen.

Ich dachte an Erics Vorgänger, Geoff. Mit ihm stimmte es schon bei der Begrüßung. „Hi, I’m Geoff, I’m Antiamerikaner“, sagte er, als wir uns das erste Mal sahen. Vielleicht glaubte er, dass gehöre sich so in Ostberlin. Vielleicht war es auch nur ein Trick. Ich entschied mich auf Anhieb. Geoff zog bei mir ein. Er sang texanische Folksongs und meine Lieblingslieder von Bob Dylan, während ich klaglos den gewaltigen Abwasch erledigte. Die schmutzigen Auflaufformen waren mir egal. Geoff, der Kalifornier, hat in meine Welt gepasst. Eric aber – das stand schon beim ersten Treffen fest – würde meine Welt verändern. Mit der Wohnung hatte er ja schon angefangen.

Mein erster Mitbewohner hieß Peter. Mit ihm hatte ich in nächtelangen Diskussionen die wesentlichen Fragen des Lebens erörtert, bevor er mich fragte, ob er nicht vorübergehend das kleine zweite Zimmer bewohnen könne. Wir hatten über den Osten gesprochen, über die schönsten alternativen Cafés im Viertel, unsere Beziehungen und die individuelle Ausgestaltung der Demo am 1. Mai. Peter war kein typischer Wessi. Er kam zwar aus Saarbrücken und hätte den Stuckateurbetrieb seines Vaters übernehmen können, aber er riss nach dem Abi aus, nach Berlin. Das geordnete Leben hatte ihn angekotzt. Er kam, mit seinen drei Katzen in meine Zweiraumwohnung. Insgeheim hielt sich Peter für einen Südländer. Von seinem ägyptischen Vater hatte Peter die braunen Locken und schwarzen Augen. Peters Undeutschsein zeigte sich auch in den täglichen Dingen des Lebens. Mal war das Telefon tot, mal lagen angebissene Schinken- oder Käsestücke im Flur – Peter hatte vergessen, Katzenfutter zu holen. Abends rief er: „Kommt, wir gehen schlafen!“ Und Solange, Leo und Filou begleiteten ihn ins Bett. Das mit der Telefonrechnung ging unter, aber was bedeutete schon Geld. Abends erzählte mir Peter von den intensiven Blickwechseln mit türkischen Frauen.

Nach Peter kam Eva, eine Schwedin. Sie trug im Winter dunkle Wollpullis zu ihren blonden langen Haaren und ging abends in Netzstrümpfen tanzen. Sie studierte tagsüber Biologie und las viel Charles Dickens. Eva wusch millionenmal die Matratze, auf der Peter und Solange, Leo und Filou vor ihr geschlafen hatten – mit dem stärksten Reinigungsmittel, das sie finden konnte. Dann zog sie ein. Sie besorgte Obst und kochte chinesische Suppen, wenn ich zu blass aussah. Sie wickelte sich in Wolldecken und las. Abends zeigte ich ihr meine Lieblingsclubs. Vor dem Weggehen zog Eva uns beide sexy an. Sie bestand darauf. Manchmal beobachteten mich beim Frühstück fremde Männeraugen. „Er hat so gut getanzt“, flüsterte mir Eva dann leise ins Ohr.

Dass es nach einer durchtanzten Nacht etwas Schlimmeres geben könnte als eine leere Kaffeedose, hätte ich nicht gedacht. Wirklich hoffnungslos ist in verschlafenem Zustand ein schwarzes Loch, wo sonst die Packung Filtertüten steht. Bei Eric war es wie von selbst immer sofort gestopft. Ich glaubte an Wunder. An Liebe auf den ersten Blick. An Eric und sein Prinzip: „Es ist immer gut, auf Vorrat zu wirtschaften“. Er hat mich an diesem Morgen glücklich gemacht. Für Eric ist das nicht erwähnenswert. Für die Wohnung sind neue Filtertüten eine Revolution.

Geoff hatte da andere Vorstellungen. „I got it, I got the solution“, rief er einmal begeistert in die Küche, während ich unaufgeregt an der Spüle stand. Er würde jetzt Nietzsche zitieren, fürchtete ich. Ich kannte ihn. Er war immer ein bisschen entrückt. Geoff sah den Abwasch in der Küche nicht. Aber dafür die Weltrevolution. „Alle Gewerkschaften der Welt müssen sich zusammenschließen, das ist die Lösung. Endlich, I got it“, rief er begeistert. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Geoff war bereit zum Kampf. Im Geiste hatte er ihn schon gewonnen. Er war glücklich. Natürlich genügte ihm die Schlacht im Kopf – Geoff war ein deutscher Philosoph. Er hätte niemals gefragt, ob es in der Wohnung etwas zu tun gäbe, geschweige denn eine kaputte Glühbirne ausgetauscht, zum Beispiel. Aber er träumte von einer Lösung für die Welt.

„Man muss seine Ideale schon mal für einen entspannten Moment ruhen lassen“, philosophiert Eric bei einem Espresso auf meinem sonnigen Balkon. Wir genießen. Wenn Prenzlauer Berg Europa ist, sind wir die Italiener. Gegen drei viertel acht springt Eric auf. Obi schließt gleich, verdammt! Eric braucht unbedingt noch ein Gewinde für den Geschirrspüler, der morgen geliefert wird.

Künstler denken nicht an Spülmaschinen. Das hatte ich geliebt, an Stéphane, der Eva folgte. Er spielte Schlagzeug und kam aus Paris. Am Anfang war ich ein wenig nervös. Ich hatte meine Vorstellungen von französischen Typen. Ich hatte viele Filme gesehen. Ein falscher Satz oder Blick und mein Traum wäre zerstört. Aber Stéphane mochte die Rolling Stones. Als wir jeden Mick-Jagger-Song bewertet hatten und die ehrwürdige Aura von Charlie Watts, sagte ich Ja. Durch Stéphane würde sich ja auch mein Französisch verbessern. Zum Sprechen kam es leider kaum. Tagsüber arbeitete er bei Wal-Mart, nachts probte er mit seiner Band. Auch Rocker haben ihren Rhythmus. Stéphane putzte nicht, aber er ähnelte Delon. Einmal fuhren wir zu seinen Eltern in einen Vorort von Paris. Für mich war er einige Tage Alain. Und ich war Romy. Als wir zurückkamen, zog Stéphane zu seinen Copains in ein besetztes Haus in Friedrichshain. In meinem Bad hinterließ er einen Papp-Batman in Lebensgröße. Nach Eric hing dort ein professionell installierter Duschvorhang.

Jetzt habe ich Linda. Sie ist Schwäbin, aber man hört es kaum. Wir spülen und spielen Luftgitarre. Eine perfekte WG.

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