Werbinich : Mexican Girls

Reisen. Abenteuer. Freisein. Wollen alle. Ist man da, wird plötzlich alles anders. Ein Trip nach Mexiko

Elena Senft

Am Flughafen werden wir unsicher. Die Rucksäcke verschwinden gerade auf dem Rollband im Flughafengebäude von Mexiko-City. Vier Wochen reisen sind vorbei. Womöglich haben wir alles falsch gemacht. Denn irgendwie fühlte sich das Traveller-sein nicht so gut an, wie wir uns das dachten.

Hätten wir wilder sein müssen? Im Bus nach Puerto Escondido Lieder grölen anstatt das aufblasbare Nackenkissen herauszuholen?

Unser TravellerUrlaub begann, als wir mit unseren Rucksäcken über den Strand von Mazunte am Pazifik stapften und in einer kleinen Holzhütte eine Unterkunft fanden. Holzhütte! Am Strand! Allein! Das ist doch der Abenteurertraum. Aber dort spielte sich zwischen Freundin H. und mir folgender Dialog ab:

Freundin H.: „Irgendwie so leer hier…“

Ich: „Ja, und gar keine Traveller.“

Freundin H.: „Die Traveller sind alle da drüben.“

Ich: „Wollen wir da nicht auch hin? Das da hinten steht immerhin im Lonely Planet unter ,hotspot’.“

Also verabschiedeten wir uns vom schnauzbärtigen Vermieter und zogen in den ,hotspot’, der genau so war, wie die Holzhütte zuvor. Aber dort wohnten noch ganz viele andere, wahnsinnig weltoffene Traveller.

Wir sind losgezogen, um noch mal wirklich cool zu sein. Um auch mal eine Ansichtskarte von Patagonien auf den Tisch zu knallen. Meine Freunde waren letztens in Kambodscha. Ich wollte dieses Gefühl auch noch mal haben, nicht mehr zum Glücklichsein zu brauchen, als das, was in einen Rucksack passt.

Dabei ist Traveller-sein purer Stress. Eine kleine Liste: Die drei Romane von Gabriel García Márquez werfe ich nach zwei Tagen weg, weil die Buchkanten durch den Rucksack in die Wirbelsäule stechen. Die anderen Traveller gucken böse, wenn man überlegt, sich drei Tage an ein und demselben Ort aufzuhalten, um auf einer Spaßbanane hinter einem Motorboot über den Pazifik zu sausen. Busfahrten in andere Orte dauern unabhängig von der zurückzulegenden Kilometerzahl mindestens acht Stunden. Mitgeführter Alkohol wird an der Grenze zum nächsten Bundesstaat von Männern mit Waffen vermutlich zum Eigenverzehr konfisziert. Nicht selten verlässt der Busfahrer plötzlich die Route, um erst private Einkäufe zu erledigen und dann seine Freundin abzuholen, die während der weiteren Fahrt auf seinem Schoß sitzt.

Dennoch: Wir geben uns Mühe, das Rucksackreisegefühl zu fangen. Im Urwald in Palenque springt unseren neuen Freunden, die wir nur dadurch gewonnen haben, dass Freundin H. an passender Stelle einwarf, mal mit dem Rucksack durch Indien gereist zu sein („Goa ist so touristisch geworden“) das absolute Traveller-Gefühl ins Gesicht. Energisch bahnen sich ihre Klettverschluss-Sandalen (die auch mal stilsicher mit Socken kombiniert werden) einen Weg durch den Dschungel. Plötzlich bleiben unsere neuen Freunde mit orgiastischem Stöhnen vor einem Wasserfall stehen. Sie stellen sich vollständig bekleidet darunter, jubeln, formen mit den Fingern Victory-Zeichen und lassen sich auf den Rücken fallen. Freundin H. und ich stehen befremdet daneben.

An einem Baum sitzt eine Spinne mit pflaumengroßem Abdomen. Ich fange an zu weinen. Freundin H. stützt mich, als wir den Dschungel unter dem Gelächter der Brüllaffen verlassen. Sie verspricht, die Sicherheitsvorkehrungen in unserer Hütte zu verstärken. An diesem Abend erschlägt sie mit modischen Ballerinas fünf Kakerlaken. Dann zünden wir die krebserregende, nur im Freien anzuwendende Rauchspirale, die auf Grillpartys einen Bereich von 20 Quadratmetern insektenfrei hält, im Zimmer an. Bei geschlossenen Fenstern.

Es wurde nicht besser. In San Cristóbal de las Casas sagte Freundin H., dass sie ihren Rucksack mit dem Gewicht eines Kleinwagens hasse. Sie sehne sich nach ihrem gelben Rollkoffer. Außerdem habe sie das Gefühl, schlecht zu riechen, was nicht weit hergeholt war, da sämtliche Kleidungsstücke zuvor in einem Zinkbottich ohne Waschmittel gewaschen und anschließend feucht in den Rucksack gestopft wurden.

Wir schlichen zu einem Waschsalon, wo wir 13 Kilo Wäsche waschen ließen. Freundin H. ging danach heimlich in ein Wellnesshotel, wo sie sich massieren ließ. Als sie zurückkam, sah sie glücklich aus und duftete nach Zitronenöl.

Als alles vorbei ist, und wir aus dem Flugzeugfenster schauen und der Vulkan Popocatépetl langsam in den Wolken verschwindet, verteilt die Stewardess Erfrischungstücher. Herrlich.

Wochen später, zu Hause in Berlin, finde ich in einer Seitentasche meines Rucksacks meinen Bikini. Ich hatte ihn unausgewaschen eingepackt, nachdem eine Welle mich im Meer übermannte, und ich halb ertrunken an einem völlig anderen Teil des Strandes wieder an die Oberfläche gespült wurde. Ein Oberteil hatte ich nicht mehr an, dafür aber eine prall mit Sand gefüllte, schwere Bikinihose. Dieser Sand lag nun auf meinem Dielenboden in Prenzlauer Berg. Einen Moment überlegte ich, das spießigste aller Reisemitbringsel daraus zu machen. Den kleinen Haufen in ein Glasbehältnis zu füllen, und dieses mit „Puerto Escondido, Mexiko“ zu beschriften.

Nein. So weit ist es mit mir noch nicht gekommen.

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