Werbinich : Mit dem Fahrrad über den Wannsee

Unser Leser Fritz Zirner war ausgebombt und hatte einen ziemlich weiten Schulweg

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1945/46: Die letzte Schulphase zum Abitur. Der Weg zu unserer schönen Rheingauschule – ehedem 15 Minuten durch Friedenau – ist nach Schulneubeginn im Spätsommer 1945 von unserem Haus in Groß Glienicke, wo ich mit meinen Eltern nach Ausbombung in der Bundesallee wohnte, kompliziert geworden.

Los zur Schule geht es mit dem Fahrrad, nach kurzem Weg muss der Grenzposten nach WestBerlin passiert werden. Aufforderungen wie „Stoj!“ mit umgehängter MP oder „Komm se mol in de Bude rein“ ließen den Puls steigen, gingen aber meist glimpflich aus. Dann weiter nach Kladow, Rad unterstellen, zu Fuß hinunter zum Dampfer, der um 7.10 Uhr für mich den Zubringer zum S-Bahnhof Wannsee bildete.

Dies klappte nicht immer: Im Winter 1946 war der Wannsee total zugefroren, und so fuhr ich bei -20°Celsius statt per Schiff mit dem Fahrrad rüber. In Friedenau hatte ich dann noch einen Fußweg von circa 20 Minuten bis zur Schule abzulaufen. Übrigens hatte ich die für den Tag vorgesehene Stulle meist schon auf der Dampferhinfahrt verschlungen.

Zur Abiturprüfung wünschte ich als Wahlfach Musik, obwohl zuvor dieses Fach nicht gelehrt werden konnte. Es gab keinen Musiklehrer, außerdem war der Musiksaal kriegszerstört. So wurde eine Musiklehrerin der benachbarten Paulsenschule bemüht, mich zu prüfen. Als Erstes musste ich ein eigenes Klavierstück vorspielen. Das einzige Instrument weit und breit stand in des Direktors Privatwohnzimmer, wohin nun, leicht erheitert, die Prüfungskommission hinzog.

Nach vollzogener Darbietung erhielt ich – jetzt wieder im Prüfungsraum – ein Notenblatt vorgelegt: „Bitte singen Sie vor, was da steht.“ Mein Gesangsvortrag – sicher etwas aufgeregt und nicht bühnenreif – führte die anwesenden Lateinübersetzer zu Heiterkeitsausbrüchen, die erst nach theoretischer Prüfungsfortsetzung abebbten. Als alles geschafft war (auch das Abi), konnte ich abends hungrig und erschöpft heimradelnd den russischen Schlagbaum passieren.

Dr. med. Fritz Zirner ist 77 Jahre alt und war Internist und Arbeitsmediziner sowie im Nebenberuf vertretender Organist an verschiedenen Pfarrkirchen.

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